Eine Erzählung aus der Romantik über Maschinenmenschen
E. T. A. Hoffmann (1776-1822): Die Automate
Seit Längerem werden die mit der galoppierenden Entwicklung künstlicher Intelligenz verbundenen möglichen Folgen für den Menschen und seine Selbstbestimmung, die Einbindung profitorientierter Interessengruppen und die Rolle der Medien in diesem Zusammenhang mit Sorge diskutiert.
E. T. A. Hoffmann, geboren in Königsberg/ Ostpreußen, gestorben in Berlin nach einem arbeits- und entbehrungsreichen Lebensweg als Jurist, Musiklehrer, Schriftsteller und Theatermusikdirektor, ist berühmt für seine Darstellungen, in denen reale mit fantastischen Szenen verschmelzen (s. Der goldene Topf, Erzählung 1814 oder Die Elixiere des Teufels, Roman 1815/16).
Hier soll eine der weniger bekannten Erzählungen Hoffmanns zu den bedenklichen Wirkungen künstlicher Menschen skizziert werden. Sie hat typisch romantische Merkmale: unerfüllte Sehnsucht, Rätselhaftes, Herstellen geistiger mysteriöser Beziehungen durch Musik.
Die Automate (Plural von Hoffmann) vom Januar 1814
Von den zahlreichen damals gezeigten mechanischen Kunstwerken, z. B. ein Musikensemble mit einem hölzernen Flötisten, der Lippen und Zunge bewegen konnte, hatte Hoffmann 1813 in Dresden die Arbeiten der Techniker J. G. Kaufmann und Friedrich Kaufmann gesehen, darunter einen Trompetenbläser und eine klavierspielende Figur. Gehört hatte Hoffmann wohl auch von einem schachspielenden "Türken", einem Schachroboter des Barons von Kempelen aus Pressburg, der, öffentlich präsentiert, internationalen Erfolg hatte.
Solch ein sensationeller "Türke" zieht in der vorliegenden Erzählung die Freunde Ferdinand und Ludwig in seinen Bann, trotz ihres grundsätzlichen Abscheus gegen diese "wahren Standbilder eines lebendigen Todes oder eines toten Lebens". Der wohlgestaltete Automat ist imstande, auf Fragen sogar mit Wohlwollen und Missfallen mimisch und stimmlich zu reagieren, als kennte er Einzelheiten aus dem Leben der Fragenden. Als Ferdinand ihn zurate zieht, erschrickt er über dessen Entdeckung seines bisher keinem offenbarten Geheimnisses: Ferdinand trägt auf der Brust die Miniatur einer einmal gesehenen und nie vergessenen Frau, die ihn auf einer Reise durch ein melancholisches Liebeslied unauslöschlich beeindruckt hat. Zutiefst deprimiert durch die Prophezeiung des Roboters, er werde die Geliebte wiedersehen, aber zugleich verlieren, steigert sich Ferdinand in die Vermutung hinein, die mechanische Figur solle nur ablenken von einer allwissenden Macht, die sich seiner so bemächtigte, dass er die Antwort auf seine sehnsuchtsvolle Frage im tiefsten Inneren selbst kreiert habe.
Auf der Suche nach dem, der diese Macht ausübt, stoßen sie auf den sich unauffällig verhaltenden Erfinder des Türken, einen stadtbekannten Physiker. Diese zwielichtige Persönlichkeit wirkt zunächst unsympathisch, da sie offenbar ihre Figuren nur für den platten Publikumsgeschmack konstruiert; andererseits finden ihn die Freunde bei einem zweiten Besuch mit "tiefernstem" Gesichtsausdruck musikalischen Klängen hingegeben, die sogar den Pflanzen seines Gartens entströmen. Vorher hat ein Gespräch der Freunde über die Möglichkeit, mit perfekter Mechanik eine Musik zu erzeugen, mit der man sich der lange verlorenen "natürlichen" des paradiesischen goldenen Zeitalters erinnern und dem damit verbundenen Glück wieder annähern könnte, eine neue Sicht auf die verabscheuten technischen Anstrengungen des Professors vorbereitet.
Als ob durch die Beseitigung eines Vorurteils eine geistige Verbindung offenbart wäre, hervorgerufen durch Wahrnehmung von Musik, hört Ferdinand auch wieder das verlorene Liebeslied. Die Sängerin erweist sich als die Tochter des Professors. Ferdinand verliert sie beim Wiedersehen nicht durch den Tod, wie ihm das Orakel des "Türken" zu sagen schien, sondern indem er sie in einer Kirche antrifft, als sie heiratet. So löst sich Ferdinands latente romantische Lebenstrauer prosaisch, aber befreiend auf.
In dieser Erzählung wird offenbar ein Vorurteil gegen ein technisches Bemühen berichtigt, sofern es gelingt, ihm einen geistigen, wahres Menschenglück anstrebenden Zweck zu unterstellen.
Auf die reizvolle Lektüre des Sandmann (1815), als Schilderung der katastrophalen Liebe eines jungen Mannes zu einem weiblichen Roboter Textgrundlage für die Oper Hoffmanns Erzählungen, sei hier immerhin hingewiesen!
Autor: G.B.
Fotos: (c) Wikimedia Commons: Walter Daugsch, Lorenz Grimoni: Museum Stadt Königsberg in Duisburg
HBZ · 03/2019
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