Hans Christian Andersen (1805 - 1875)
Tante Zahnweh - ein Märchen über Leiden und Kunstschaffen
Jedes Märchen enthält ein Element des Leidens, das eine Hauptfigur bezwingen muss, um 'erlöst' zu werden. In Andersens spätem Märchen Tante Zahnweh, geschrieben 1872, löst der unwillkürliche Drang, alles in Worte zu fassen, was er sieht, bei einem Studenten das Gefühl aus, Poet zu sein, aber zugleich den nagenden Selbstzweifel, diesem Anspruch zu genügen.
Wenige Jahre vor seinem Tod scheint Andersen diese Problematik erwogen zu haben, erfahren in der ständigen Verbindung von körperlichem Schmerz und Produktionswillen, wohl befeuert durch eine Episode aus seinem Leben: 1867 wurde er Ehrenbürger seiner Heimatstadt Odense. Das war für ihn der Höhepunkt seiner Laufbahn als Dichter, zumal die Dänen länger als andere Europäer brauchten, ihn anzuerkennen. Er beschreibt seine Gefühle und den öffentlichen Festakt:
"Ich trat ans offene Fenster; alles strahlte im Fackelglanz, der Platz war von Menschen überfüllt, Lieder klangen zu mir herauf, aber ich war seelisch überwältigt […]. Der Zahnschmerz war nicht mehr zu ertragen […] und anstatt die Glückseligkeit dieser Minuten, die nie wiederkehren, so recht zu genießen, blickte ich auf das gedruckte Lied und sah, wie viele Verse noch zu singen wären, bis ich dieser Marter entrinnen könnte, welche die kalt Luft mit durch meine Zähne verursachte." (Nielsen, Monografie Andersen)
Das Märchen Tante Zahnweh von 1872 möchte ich wegen seiner realistischen und gespenstisch-romantischen Elemente im Folgenden umreißen: Es handelt sich um eine Rahmenerzählung. Ein Ich- Erzähler berichtet über die triste Herkunft einiger beschriebener Blätter, die ein ihm bekannter "Gemüsekrämerlehrling" aus einem Fass mit Einwickelpapier gefischt und seiner Zufallssammlung unterschiedlicher Texte einverleibt hat. Die Erzählung stammt aus Resten eines Buches, das ein Student verfasst hat, der "gerade gegenüber wohnte, schwer an Zahnschmerzen litt und kürzlich gestorben ist". Das Buchfragment wurde von den Eltern des Lehrlings "für ein halbes Pfund grüne Seife" erworben.
Der Ich-Erzähler leiht es sich aus. Er erfährt nun im ersten Kapitel etwas über die dichterischen Ambitionen des Studenten, der auch in der Ich-Form spricht, und über seine Tante Mille, genannt "Tante Zahnweh". Sie spendiert ihm für seine Einfälle Komplimente, schädlich wie Zucker für die Zähne. Tante Mille ist ein altes Fräulein, das seine unerfüllten Wünsche nach gesellschaftlichem Aufstieg auf ihren Neffen projiziert.
Kapitel 3 führt nun die außerordentliche sprachliche Fähigkeit des Studenten (und Andersens) vor. Er beschreibt seine Wohnung:
"[…] ein wahres Spektakelhaus mit Lärm und Krach von Wind und Wetter und Menschen. […] Ich wohne gerade über dem Tor […]. Liege ich im Bett, spüre ich die Stöße in allen Gliedern, aber das soll nervenstärkend sein. Stürmt es, und es stürmt hierzulande immer, dann baumeln die langen Fensterhaken hin und her und schlagen gegen die Mauer […].
Unsere Hausbewohner kommen tropfenweise heim; der Mieter gerade über mir, der am Tage Stunden im Posaunenblasen gibt, kommt am spätesten heim und legt sich nicht nieder, ehe er nicht mit schweren Schritten und eisenbeschlagenen Stiefeln einen kleinen Mitternachtsspaziergang gemacht hat. […] es gibt eine zerbrochene Scheibe, über welche die Wirtin Papier geklebt hat; der Wind bläst trotzdem durch die Ritzen und gibt Töne von sich wie eine summende Bremse."
Tante Miele ist wieder einmal begeistert: "Du bist ein zweiter Dickens!"
In Kapitel 4 jedoch verwandelt sich die stets lobende, positive Tante Miele in einer Art Wachtraum in eine bedrohliche schemenhafte Gestalt, "sehr dünn, sehr fein […]" Das ist "Frau Zahnweh! Ihre Entsetzlichkeit satania infernalis […]." "Also Dichter bist du?", sagte sie, "Ja, ich werde dich in alle Versmaße der Schmerzen hinaufdichten.'" Dazu ist sie bestens bestückt: An ihrer schattengrauen eiskalten Hand hat sie wahre Marterwerkzeuge von Fingern: "Daumen und Zeigefinger hatten Kneifzange und Schraube, der Mittelfinger endete in einer spitzen Nadel, der Ringfinger war ein Bohrer und der kleine Finger eine Spritze mit Mückengift." Sie behauptet: "Ein großer Dichter muss großes Zahnweh haben, ein kleiner Dichter kleines." Das bringt ihr Opfer zu der flehentlichen Bitte, "ein kleiner Dichter", ja, gar keiner zu sein. Ihre Bedingung für ihr Verschwinden ist sein dichterisches Verstummen. Der Student zieht dann das Leiden dem Verstummen vor.
Aber gewürdigt werden weder Leiden noch Text. Dieser geht in die Welt auf Einwickelpapier - eine banale Verwendung, vor der sich die "Geburtswehen" des Künstlers beim Kunstschaffen komisch ausnehmen. Andersen, damals schon recht krank, zeigt hier eine negative Perspektive, die seine früheren Märchen selten haben.
Autor: G.B.
HBZ · 07/2019
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