Orgelstadt im Orgeljahr
Hamburg im Fokus der feinen Künste
Man nennt die Pfeifenorgel die Königin unter den Musikinstrumenten und wie Senator Andy Grote beim Senatsempfang der Gesellschaft der Orgelfreunde und des Vereins Orgelstadt Hamburg in seinen Begrüßungsworten betonte, ist sie die einzige Königin, die Hamburger anerkennen.
Orgeljahr im Zeichen Arp Schnitgers
Zu Ehren des 300. Todestages des ikonischen Orgelbauers Arp Schnitger, den es 1680 nach Hamburg zog, zeigen zahlreiche Veranstaltungen die Vielfalt der Orgeln und der Orgelmusik der Hansestadt. Schnitger hatte in Hamburg-Neuenfelde seine Werkstatt und fand in der St. Pankratius Kirche seine letzte Ruhestätte. Dort befindet sich auch ein erst jüngst mustergültig restauriertes Instrument seiner Werkstatt. Insgesamt entstanden in Schnitgers Werkstatt rund 100 Orgeln, von denen die in der Hauptkirche St. Jacobi zu seinen bedeutendsten gehört.
Kulturerbe der reichen Hanse
Schon im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren die Instrumente eine komplexe und technische Herausforderung. Die spezifischen Fachkenntnisse waren und sind bis heute Grundlagen für den Bau einer qualitativ guten Orgel. Diesen Luxus musste man sich auch zu früheren Zeiten leisten können, aber Hamburg verfügte aufgrund des Handels und der Hanse über genügend Wohlstand. Und wenn die zum Orgelbau benötigten Materialien nicht in Hamburg zu finden waren, wurden sie durch den Hafen zu den zahlreichen Orgelwerkstätten herangeschafft. Im Mariendom erklang bereits um das Jahr 1358 eine Orgel und die Ordensbrüder der Franziskaner besaßen sogar zwei Pfeifenorgeln in der Maria-Magdalenen-Kirche.
Orgelbauer und Pianisten
Es ist wahrscheinlich, dass alle großen Kirchen der Stadt bereits vor den Tagen der Reformation über mindestens eine Orgel verfügten und so die berühmtesten Orgelbauer und Pianisten in die Hansestadt zogen. Unter ihnen waren Meister wie Hans Lüders, Domenicus Engelbert, Jacob Iversand oder Harmen Stüven. Johann von Kollen erschuf in der Mitte des 15. Jahrhunderts nicht nur die große Orgel für die Hauptkirche St. Petri, sondern er spielte diese auch als Organist. Noch war das Blockwerk der Orgeln technisch eher simpel gehalten und man kannte keine Register, die getrennt spielbar waren. Doch nach der Reformation nahm der Fortschritt seinen Lauf.
Viele auswärtige Orgelbauer, besonders aus Flandern, der Provinz Antwerpen oder auch aus Sachsen, ließen sich in Hamburg nieder, um Orgeln zu bauen. Die Nachfrage an neuen, technisch immer ausgeklügelteren Instrumenten war groß. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ermöglichten die Orgeln stattliche Kompositionen, ein enormes Klangfeld und breiteres Leistungsspektrum. Sie zogen berühmte Komponisten in die Stadt. 1720 sollte kein geringerer als Johann Sebastian Bach die Organistenstelle von St. Jacobi mit deren Schnitger-Orgel übernehmen, doch das Engagement kam nicht zustande.
Künstlerischer Reichtum der Kirchen
Die größte erhaltene Barockorgel im gesamten nordeuropäischen Raum findet sich in der Hauptkirche St. Jacobi. Die weltberühmte Arp-Schnitger-Orgel aus dem Jahr 1630 thront auf der Westempore, besitzt 60 Register und rund 4.000 Pfeifen. Die älteste Pfarrkirche der Stadt, St. Petri, verfügt über drei Orgeln des Hamburger Orgelbauers Rudolf von Beckerath. In der Kirche St. Katharinen trifft die historische Orgel auf die Moderne. Im Michel finden sich fünf Orgeln. Die große "Steinmeyer-Orgel" wurde 1962 fertiggestellt und steht auf der westlichen Empore. Das Instrument verfügt über 86 Register mit 6.674 Pfeifen.
Schätze auch in Profanbauten
Neben den unzähligen Kirchen finden sich historische oder auch moderne Orgeln in vielen anderen Gebäuden der Stadt. Am musikwissenschaftlichen Institut der Universität lockt eine behutsam restaurierte historische "Wacker-Orgel" aus dem Jahr 1895. Die größte Multiplex-Pfeifenorgel Europas, die "Welte- Rundfunkorgel" aus dem Jahr 1930, steht in Räumen des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Die wohl behütetste und in über 125 Jahren kaum veränderte Orgel verrichtet ihren Dienst in der Justizvollzugsanstalt Hamburg Fuhlsbüttel, umgangssprachlich als "Santa Fu" bekannt. Ganz andere Dimensionen hat die Orgel der neuen Elbphilharmonie. Das 25-Tonnen-Orgelwerk misst 15 Quadratmeter und verfügt über 4.765 Pfeifen, wobei das Fernwerk der Orgel in die Reflektoren der Decke eingelassen wurde - ein Bau der Superlative und Prunkstück des großen Saales.
Orgelevents an vielen Orten
Das vielfältige Programm lockt dieses Jahr Orgelfreunde aus der ganzen Welt nach Hamburg. Mit zahlreichen Veranstaltungen, Konzerten und Ausstellungen sowie der Website www.orgelstadt-hamburg.de will die Stadt 2019 für die Vielfalt der Orgelmusik begeistern. Das Publikum kann sich auf tägliche Orgelkonzerte, zeitgenössische Formate und spannende Blicke hinter die Kulissen, eine Sonderausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe, Vorträge und vieles mehr freuen.
Ein paar Termine, die sie nicht verpassen sollten sind u. a.:
- Die Ausstellung "Maufaktur des Klangs. 2000 Jahre Orgelbau und Orgelspiel" im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) bis zum 3. November 2019 mit der Sonderveranstaltung Gesprächskonzert mit Musik des Barock auf der historischen Prozessions-Orgel von Agostini Traeri am 27. Oktober und am 3. November mit Orgeldarstellungen in Mittelalter und Renaissance.
- Die tägliche Mittagsandacht und Orgelkonzerte in St. Michaelis.
- Die Eröffnung des Turmcafés in St. Jacobi mit Orgelklängen am 5. Oktober 2019.
- Ein Orgelkonzert zum Erntedankgottesdienst in der Paul-Gerhardt-Kirche am 6. Oktober 2019.
- Die "Lesung vor Porträt" über Leben und Werk von Arp Schnitger vor einem lebensgroßen Porträt des Künstlers durch die Malerin Anja Seelke am 13. Oktober in der St. Pankratiuskirche Neuenfelde.
- Sowie die Adventskonzerte der Orgeln in allen Kirchen und das Orgelkonzert zu Silvester in St. Jacobi.
Bildergalerie
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HBZ · 10/2019
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