Wilhelmsburg entdecken
Vielfältiges Wohnviertel auf der Elbinsel
Zwischen den beiden großen Flussarmen der Elbe, gemeinhin als Elbinsel bezeichnet, liegt der flächenmäßig größte Stadtteil der Hansestadt: Wilhelmsburg.
Begehrtes Elbland
Bereits im 14. Jahrhundert ließen sich die ersten Siedler im Strömungsgebiet der aus Gletschern der Eiszeit (Kryomer) geformten Elbinsellandschaft nieder. Künstlich errichtete Erdhügel und kleine Deiche schützten die Felder vor dem Hochwasser. Im Jahr 1672 gelangten die drei großen Elbinseln in den Besitz von Georg Wilhelm, Herzog von Braunschweig, Lüneburg und Celle. Nach der darauffolgend geschaffenen Verbindung des Gebietes mit Deichen führte die Ansiedlung fortan den Namen Wilhelmsburg. Heute erinnert die Georg-Wilhelm-Straße, die vom nördlich gelegenen Spreehafen vorbei am Rathauspark bis fast zur Süderelbe reicht, an den Herzog. Infolge der napoleonischen Eroberungskriege fiel Wilhelmsburg in den Jahren 1811 bis 1814 an Frankreich, bevor es dem neu gegründeten Königreich Hannover übertragen wurde. Nach dem Deutschen Krieg von 1866 wurde die Region zur preußischen Provinz.
Kreisfreie Stadt und Industriestätte
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts trat Hamburg dem Deutschen Zollverein bei und der Ausbau des Hafens schritt stetig voran. Rund um das Wilhelmsburger Gebiet entstanden neue Kanäle, Docks, Hafenanlagen und mit Brücken verbundene Straßenzüge. Die Industrialisierung brachte Fabriken, Bahnhöfe und neue Arbeiterwohnblöcke wie das in Hafennähe gelegene Reiherstiegviertel hervor. Großbetriebe fassten Fuß. Die Hamburger Wollkämmerei beschäftigte um die Jahrhundertwende rund 1.000 Mitarbeiter. Kurze Zeit später entstanden ebenfalls am Reiherstieg die Chemischen Werke. Nach dem Ersten Weltkrieg in den Anfangsjahren der Republik von Weimar wurde Wilhelmsburg aus dem Bezirk Harburg ausgegliedert und war für kurze Zeit kreisfreie Stadt in Kooperation mit der Nachbargemeinde Harburg.
Mit Hoffnung aus der Flutkatastrophe
Im Rahmen des Groß-Hamburg-Gesetzes, erlassen durch die Nationalsozialisten, wurde Wilhelmsburg an Hamburg angegliedert und schließlich eingemeindet. Im Hamburger Schicksalsjahr 1962 traf die Sturmflutkatastrophe die Elbinselstadtteile besonders schwer. Von den über 300 Todesopfern stammten allein 222 aus Wilhelmsburg. Doch die große Flut brachte auch neue Hoffnungen in den von Arbeitern und Flüchtlingen geprägten Stadtteil. Aufgrund der geografischen Lage bildete sich zwar kein eigentlicher Stadtteilkern, doch in verschiedensten Projekten entstand Raum für neue Wohnkonzepte, kulturelles Leben und einen modernen, urbanen Lifestylegedanken. Auch dem Naturschutzgedanken wurde Rechnung getragen und es entstanden Landschaftszonen im Bereich der Elbauen, wie beispielsweise die Bunthäuser Spitze im Binnendelta der Norder- und Süderelbe.
Geschichte zum Erleben
Um genauer in die Wilhelmsburger Entwicklungsgeschichte einzutauchen, empfiehlt sich ein Besuch im Museum auf der Elbinsel. In dem alten, herrschaftlichen Gebäudekomplex an der Kirchdorfer Straße, wo zu früheren Zeiten sogar ein Schloss stand, erhalten die Besucher viele interessante Eindrücke und Informationen, die den Stadtteil vor allem unter den Lebensverhältnissen während des 19. Jahrhunderts darstellen. Die Ausstellung gibt beispielsweise einen detaillierten Einblick in die regionale Landwirtschaft und die hierfür notwendigen Gerätschaften. Ein anderer Ort für lebendige Geschichte findet sich bei einem Wilhelmsburger Wahrzeichen: der Windmühle Johanna. Das kulturhistorische Denkmal, das einmal im Monat kostenfrei besichtigt werden kann, steht an der Schönfelder Straße, die früher mit einem Deich gesichert war.
Ein Arbeiterviertel entwickelt sich
Dass Wilhelmsburg nach der großen Flutkatastrophe von 1962 einen Umschwung erlebte, dafür stehen viele Projekte und städtische Maßnahmen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Reiherstiegviertel, das damals eigentlich aufgegeben werden sollte. Nach und nach siedelten sich allerdings immer mehr Bewohner in dem alten Quartier an. Zunächst kamen vor allem die türkischen Gastarbeiter, Anfang der 1970er-Jahre zog es dann vermehrt die Studenten in das Viertel und schließlich ließen sich die ersten Künstler in dem vielleicht am ehesten als Wilhelmsburger Zentrum anzusehenden Wohnungsabschnitt nieder. Eine umfangreiche, liebevolle Sanierung im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA) unter Mitwirkung einer städtischen Entwicklungsgesellschaft setzte das Viertel in ein völlig neues Licht. Innerhalb dieser städtebaulichen Konzeptionen wurde durch die IBA-Förderungen auch die Projektlinie für die sogenannte Wilhelmsburger neue Mitte umgesetzt, bei der etliche Neubauten entstanden.
Soziales Miteinander
Ein anderes typisches Beispiel, wie man neue Strukturen und bauliche Veränderungen durchsetzen kann, ist der Energiebunker Wilhelmsburg. Der ehemalige Flakbunker aus dem Zweiten Weltkrieg galt lange als lästiger Schandfleck, ähnlich wie die Anlagen am Heiligengeistfeld in der Hamburger Innenstadt. Heute ist der Betonklotz ein interessantes Kraftwerksgebäude für regenerative Energiegewinnung mit Ausblicksplattform und Café. So zeigten sich in Wilhelmsburg etliche kreative neue Ausdrucksformen, die den Stadtteil nach und nach veränderten. Um den steigenden Immobilien- und Mietpreisen zu entgehen und bezahlbaren Wohnraum zu sichern, gründete sich der soziale Wohnprojektverein GoMokry. Hierbei ging es darum, einen Gebäudekomplex in der Wilhelmsburger Mokrystraße zu erhalten und im Sinne einer selbstbestimmten Lebensform im Einklang mit allen Mietern neu zu ordnen. Dieses gemeinschaftliche Wohnprojekt ist eine interessante Alternative, um ein sozial verträgliches und neu organisiertes Nachbarschaftsgefüge im Viertel entstehen zu lassen.
MS Artville
Reiherstieg-Hauptdeich (Alte Schleuse 23)
www.msartville.de
MS Dockville Festival
Schlengendeich 12
www.msdockville.de
Wilhelmsburger Inselpark
Am Inselpark
www.inselpark.hamburg.de
Museum Elbinsel Wilhelmsburg e.V.
Kirchdorfer Straße 163
Tel.: (040) 31 18 29 28
www.museum-wilhelmsburg.de
MS Dockville und Kreativzentrum
Unter dem Einfluss derartiger Beispiele hat sich auch die Kunst- und Kulturszene eindrucksvoll in Wilhelmsburg etabliert. Im Jahr 2007 fand am Reiherstieg erstmals das Musik- und Kunstfestival MS Dockville statt. Gefördert von der Hansestadt Hamburg und zahlreichen Sponsoren hat sich die jährlich im Sommer über drei Tage stattfindende Veranstaltung längst einen Namen gemacht. In der neoavantgardistischen Atmosphäre der Hafendocks wird viel Freiraum für alternative Musik von Nachwuchsbands und nicht so renommierten Künstlern geboten. Der Kunstbereich umfasst experimentelle Ausstellungsabschnitte oder eindrucksvolle Impressionen aus der Street-Art. Aufgrund der Corona-Krise musste das diesjährige Festival zwar abgesagt werden, doch die Planungen für 2021 laufen bereits auf Hochtouren. Ein anderer Hotspot für die Steigerung eines neuen Ideenreichtums sind die ehemaligen Hallen der Wilhelmsburger Zinnwerke, in denen seit mehr als acht Jahren ein unvergleichbares Kreativzentrum entsteht. Designerbüros, Künstlerateliers, Journalisten und viele andere Freiberufler arbeiten hier innerhalb einer großen Gemeinschaft Hand in Hand.
Freizeitvergnügen im Inselpark
Zwischen dem Wasserwerk auf dem Campus und der Bundesstraße 75 liegt das Freizeitresort des Stadtteils. Der Inselpark Wilhelmsburg bietet eine zentrale Anlaufstelle für Sport und Bewegung oder naturnahe Entspannung. Die zahlreichen Spielplätze sind ein gern besuchter Ort für Familien mit Kindern.
Neben Schwimm- und Basketballhalle gibt es einen Skaterpark, einen Hochseilgarten und ein Kleinfußballfeld. Die vielen unterschiedlichen Garten- und Parkbereiche laden zum Verweilen ein. Mit einem Grillplatz und einigen Gastronomiebetrieben ist auch für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt. Der Inselpark ist ein Erbe der seinerzeit ausgetragenen Internationalen Gartenschau und seit dem Jahr 2013 für die Öffentlichkeit zugänglich. Mit einer gut durchdachten Infrastrukturanbindung und Haltestellen von Bus und S-Bahn ist die bürgerfreundliche Anlage auch für alle anderen Hamburger und Hamburgerinnen gut erreichbar.
MS Artville Festival
Ein weiteres vom Kulturausschuss der Stadt Hamburg und einigen Stiftungen unterstütztes Festival ist das Kunstprojekt MS Artville. Leider musste auch diese Veranstaltung aufgrund der aktuellen Corona-Bedingungen für dieses Jahr andere Wege beschreiten. Am Uferpark beim Reiherstieg-Hauptdeich können die Besucher dennoch einen kleinen Einblick in die bemerkenswerten Schaffenswelten der nationalen und internationalen Künstler gewinnen. Die Veranstalter haben auf die momentanen Gegebenheiten reagiert und das diesjährige Kunstprojekt kurzum in ein digitales Forum verpackt. So wird Kunst aus verschiedenen Richtungen für ein breites Publikum sicht- und hörbar. Mediathek, Diskussionsplattform und viele andere interessante Informationen wurden von etlichen fleißigen ehrenamtlichen Helfern und vom gemeinnützigen Trägerverein Kunstfelder zusammengestellt und lohnen einen digitalen Besuch.
Bildergalerie
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Autor: VHSt
Quellen: Hamburg.de; Bezirksamt Hamburg-Mitte, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit; https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburg-Wilhelmsburg; Hamburg Tourism, IBA, Kiekmo
Fotos: Helge Rodewald; Samira Aikas; Mediaserver Hamburg: Blick auf die Honigfabrik © Timo Sommer, Lee Maas; Energiebunker © Geheimtipp Hamburg; Energieberg: IBA Hamburg GmbH / Johannes Arlt
HBZ · 11/2020
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