Wissenschaftler, Hafenarzt und Institutsbegründer
Bernhard Nocht
Albrecht Eduard Bernhard Nocht, Begründer des Bernhard-Nocht-Instituts, war ein vielseitiger Mediziner und Hygieniker.
Der Weg zum Mediziner
Bernhard Nocht wurde am 4. November 1857 im niederschlesischen Landeshut, das heute zu Polen gehört, geboren. Nach seinem Abitur studierte er am medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelms-Institut in Berlin und arbeitete danach als Militärarzt an der renommierten Berliner Charité. Im Jahr 1881 wurde er zum Dr. med. promoviert, ein Jahr später folgte die Approbation. Den jungen Mediziner zog es hinaus in die Welt: Im Jahr 1883 trat er der Kaiserlichen Marine bei, wo er zunächst als Assistenzarzt diente. Etliche Auslandseinsätze führten Nocht unter anderem nach Südostasien und in den Mittelmeerraum.
Experte der Bakteriologie
Das Jahr 1887 bedeutete für Bernhard Nocht einen ersten Wendepunkt: Er wurde an das Hygienische Institut der Universität Berlin versetzt, um dort unter Robert Koch zu arbeiten. Hier eignete sich Nocht spezifische Kenntnisse über Bakteriologie und Infektionskrankheiten an. Als einer der wichtigsten Mitarbeiter Kochs war Bernhard Nocht vorbereitet, als sich im Jahr 1892 die Choleraepidemie in Deutschland ausbreitete. Als verantwortlicher Leiter der Kontrollstation in Hamburg konnte Nocht durch gezielte medizinische Maßnahmen, das Zusammenspiel mehrerer Organe des Gesundheitswesens und die stetige Dokumentation einige Erfolge beim Eindämmen der Epidemie erzielen.
Hygienischer Dienst und Seuchenabwehr
Die Geschehnisse rund um den Choleraausbruch bewegten ihn dazu, dem Hamburger Senat die Einrichtung eines ständigen medizinischen Überwachungsdienstes für den Hafenbereich zu empfehlen, bei dem er den Posten des Hafenarztes übernahm. Nocht etablierte einen mustergültigen Dienst zur Hafen- und Schiffshygiene und entwickelte ein funktionsfähiges System zur Seuchenabwehr, das auch weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus als vorbildliches Beispiel diente. Im Jahr 1901 wurde Bernhard Nocht Mitglied im Reichsgesundheitsrat, saß im Beirat für Auswandererangelegenheiten und war Reichsbevollmächtigter für internationale Sanitätskonferenzen.
Begründer des Tropeninstituts
Im Jahr 1906 wurde er zum Leiter des gesamten Hamburger Medizinalwesens. Seine Hauptbestrebungen lagen in der Erforschung und Bekämpfung von Tropenkrankheiten. Durch seine Verdienste, sein internationales Ansehen und die Kolonialinteressen des Deutschen Reichs unterstützte die Hamburger Stadtführung die Begründung eines neuen Instituts zur tropenmedizinischen Forschung, das zur Jahrhundertwende das weltweit dritte seiner Art war und unter Nochts Leitung globalen Ruhm erlangte.
Kooperationen als Erfolgsschlüssel
Bernhard Nocht erkannte rechtzeitig, dass wegweisende Forschungsentdeckungen und daraus resultierende Maßnahmen nur im Zusammenwirken aller medizinischen Fachbereiche gute Erfolgsaussichten haben können. Eine darauf bezogene Gesamtkonzeption konnte er als Erster in Deutschland etablieren.
Vielschichtiger Charakter: Nachhall und Lebensleistungen
Nach Ende des Ersten Weltkriegs übernahm Bernhard Nocht zunächst eine Professur an der neu gegründeten Hamburger Universität. Die Folgen des Versailler Vertrages beendeten zwar den deutschen Kolonialismus, doch Nocht blieb seiner konservativen politischen Einstellung treu und schloss sich bis Mitte der 1920er-Jahre der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei an. Seine Gesinnung wird heute von vielen Experten diskutiert. Er nutzte seine internationalen Kontakte zur Wiederherstellung des Ansehens der deutschen Wissenschaft und Medizin und war das einzige deutsche Mitglied im Hygienekomitee des Völkerbundes. Auf seinen Auslands- und Studienreisen, die ihn nach Ostafrika oder Palästina führten, bekämpfte er Malaria und Lepra und sammelte wichtige Erkenntnisse etwa zum Romanowsky-Effekt, der einen Nachweis von Malariaparasiten im Blut ermöglicht. Bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten legte er jedoch seine Aufgaben im Völkerbund nieder und unterzeichnete das Universitätsbekenntnis der Professoren zu Adolf Hitler.
Neben vielen internationalen Ehrenprofessuren und -mitgliedschaften erlebte Nocht zu seinem 85. Geburtstag im Jahr 1942 die Umbenennung des Hamburger Tropeninstituts in Bernhard-Nocht-Institut. Rund zweieinhalb Jahre später lag Deutschland in Schutt und Asche und Nocht nahm sich gemeinsam mit seiner Ehefrau das Leben. Ihr Abschiedsbrief an die gemeinsamen Kinder wirkte desillusioniert und beschrieb, dass sie sich einem möglichen Wiederaufbau nicht mehr gewachsen fühlten. Doch aller Kritik zum Trotze: Bernhard Nocht trug wesentlich zum Aufbau eines modernen Gesundheitswesens bei und seine Abhandlungen zu Infektions- und Tropenkrankheiten waren bahnbrechend.
Autor: VHSt
Quellen: Bernhard-Nocht-Institut www.bnitm.de; Geschichte des Instituts für Schiffs- und Tropenkrankheiten Hamburg 1900 bis 1945, Autor: Erich Mannweiler, Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg 32. Keltern-Weiler, 1998; Deutsche Biographien.de (Stefan Wulf), Völkerbundarchiv, Archiv Bernhard-Nocht-Institut
Fotos: Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
HBZ · 06/2021
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