'Grabe, wo du stehst'
Die Hamburger Geschichtswerkstätten und ihre Ursprünge
Vor etwas mehr als 40 Jahren wurde im Jahr 1980 die erste Geschichtswerkstatt in Hamburg gegründet: das Stadtteilarchiv Ottensen.
Den Umfang der Aktivitäten beschreibt der Verein der Hamburger Geschichtswerkstätten in seiner Selbstdarstellung: "Unser Blick richtet sich auf Themen des Alltags wie Arbeit, Familie, Geschlechtergeschichte, Stadtteilentwicklung, Verkehr, Architektur und Denkmalschutz. […] Wir verstehen uns als 'Gedächtnis des Stadtteils' und sehen unsere Aufgabe im Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln […]. Wir befassen uns mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von über 60 Hamburger Stadtteilen, verwalten in unseren 'Bürgerarchiven vor Ort' hunderttausende Fotos und Dokumente weitgehend aus Privatbesitz und sichern sie durch Digitalisierung auch für künftige Generationen."
Um das Geschichtsbewusstsein und die Identifikation der Menschen mit ihrem Stadtteil zu fördern, organisieren die Geschichtswerkstätten Veranstaltungen, Rundgänge oder Ausstellungen und bieten eine Fülle an Publikationen an. Auf diese Weise bereichern sie das kulturelle und politische Leben in den Stadtteilen. Doch wie kam es dazu?
Um diese Frage zu beantworten, muss man den Blick in die Bundesrepublik der 1970er- und 1980er-Jahre richten. Damals war das Interesse an Geschichte und ihrer Bedeutung für die Gegenwart in der bundesdeutschen Gesellschaft groß. Es entstand die sogenannte Neue Geschichtsbewegung, mit der auch ein gesellschaftspolitisches Projekt verbunden war. Ihr Motto "Grabe, wo du stehst" hatte der Schwede Sven Lindqvist mit seinem 1978 erschienenen Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte populär gemacht. Darin rief Lindqvist die schwedischen Arbeiterinnen und Arbeiter auf, ihre eigenen Arbeits- und Lebensbedingungen und deren Geschichte zu erforschen, um die Deutungsmacht darüber den Unternehmern aus der Hand zu nehmen. Sie sollten sich über die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte selbst als historische Akteure begreifen lernen, die auch ihre Gegenwart beeinflussen könnten.
Dieser Ansatz prägt bis heute die Arbeit der Hamburger Geschichtswerkstätten, wie aus ihrer Selbstdarstellung hervorgeht. Mit dieser Motivation im Hintergrund sprachen die Stadtteilforscher mit Zeitzeugen, führten Interviews, begannen Alltagsgegenstände zu sammeln und Fotoarchive anzulegen.
In Hamburg traf die Bewegung auf eine Kulturpolitik, die diese Impulse - auch in Reaktion auf die ersten Erfolge der späteren Grün-Alternativen-Liste (GAL) - Ende der 1970er-Jahre aufnahm und zu integrieren versuchte. Die Kulturbehörde richtete ein Referat für Stadtteilkultur ein und im Haushalt wurden Mittel für entsprechende Projekte und Einrichtungen zur Verfügung gestellt.
Die Kulturbehörde begann, das zunehmende Interesse an Lokal- und Alltagsgeschichte wahrzunehmen. Daraus entstand 1983 eine "Kulturaktion" zum Thema "Lebendige Stadtteilgeschichte". Auf die dazugehörige Ausschreibung bewarben sich 30 Projekte aus verschiedenen Stadtteilen, von denen etwa die Hälfte im Weiteren gefördert wurde. Daraus ging in der Folge z. B. die Geschichtswerkstatt Eimsbüttel in der Galerie Morgenland hervor.
Trotz einer 25-prozentigen Kürzung der Mittel unter dem CDU-geführten Senat im Jahr 2004 sind die Geschichtswerkstätten seither anerkannte und wichtige Akteure im kulturellen Leben unserer Stadt. Beginnend mit der Geschichtswerkstatt Harburg wollen wir in den nächsten Monaten die Entstehung und Arbeit einiger von ihnen in der HBZ beleuchten.
Bildergalerie
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Autor: VHSt
Quellen: Geschichtswerkstätten Hamburg: www.geschichtswerkstaetten-hamburg.de; Lernen aus der Geschichte: http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/14353; Tiedenkieker, Hamburgische Geschichtsblätter, 12/2021, Verein für Hamburgische Geschichte, Autoren: Lena Langensiepen, Reinhard Otto
Fotos: Fotos der Hamburger Geschichtswerstätten: Drahtstiftefabrik © Stadtteilarchiv Ottensen - Geschichtswerkstatt für Altona e. V.; Röhrenbunker © Geschichtswerkstatt Eppendorf; Informationszentrum Zwangsarbeit © Archiv der Willi-Bredel-Gesellschaft-Geschichtswerkstatt e.V.; Bunkermuseum © Bunkermuseum Hamburg
HBZ · 10/2021
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