Konsulatsstadt Hamburg Teil 4: Indien
Wirtschaft, Kultur und Lebensfreude
Mit über 1,3 Milliarden Menschen ist Indien nach China das bevölkerungsreichste Land und gilt als größte Demokratie der Welt mit stetig wachsender Wirtschaft.
Gewürze und Indiens neue Hymne
Nach der Erschließung der Gewürzroute nach Ostasien durch Portugal, die nach und nach im 16. Jahrhundert durch holländische Handelskompanien wie die Niederländische Ostindien-Kompanie kontrolliert wurde, erweiterten auch andere europäische Staaten ihre Handelswege nach Indien. Hamburg wurde zur ersten Hauptblütezeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Gründung der Hamburg-Kalkutta-Linie, die später in die HAPAG-Reederei eingegliedert wurde, zum wichtigen Handelsstandort. Die großen Möglichkeiten für die Hamburger Unternehmen, den Hafen und zahlreiche andere Wirtschaftszweige, die sich im indischen Raum ergaben, wurden bereits frühzeitig erkannt. Der sich stetig ausweitende Kooperationsprozess zwischen der Hansestadt und Indien auf allen Ebenen der Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft, Kunst und Kultur setzte sich vor allem seit der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders kontinuierlich fort. Selbst als Indien noch britische Kolonie war, blieben etliche dieser Verbindungen bestehen und es gründeten sich sogar neue, wie beispielsweise die Deutsch-Indische Gesellschaft, die im Kriegsjahr 1942 im Hotel Atlantic entstand.
Dort wurde am 11. September 1942 anlässlich der Feierlichkeiten zum ersten Mal die zukünftige Nationalhymne Indiens "Jana Gana Mana" vom Hamburger Radio Symphony Orchester gespielt. Dazu sagt John H. Ruolngul: "Im Publikum war einer von Indiens größten Freiheitskämpfern, Subhash Chandra Bose, wie auch der Erste Bürgermeister Hamburgs und führende Repräsentanten der Deutschen Regierung. Wir planen im Rahmen unserer Jubiläumsfeierlichkeiten zum 75. Unabhängigkeitstags im Sommer 2022 u. a. eine Gala zu veranstalten, um diesem einzigartigen Ereignis zu gedenken."
Entwicklung mit dynamischem Potenzial
Nach dem Zweiten Weltkrieg zu Beginn der 1950er-Jahre blühten die Beziehungen im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwunges Deutschlands wieder auf. Europaweit ist die Bundesrepublik Indiens wichtigster Handelspartner. Für den Import aller Warenerzeugnisse nach Deutschland rangiert Indien auf dem fünften Platz. Als Exportland für die bundesdeutsche Wirtschaft nimmt Indien den weltweit achten Platz ein. Heute ist Indien mit seinem gigantischen Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte die fünftgrößte Volkswirtschaft. Davon profitiert auch die Hansestadt Hamburg, welche die Zusammenarbeit in der Vergangenheit auf viele Schwerpunkte ausgedehnt hat. Dieses riesige dynamische Entwicklungspotenzial ist immer noch nicht ganz ausgeschöpft.
Gemeinsamer Fortschritt
Fast 50 prominente indische Unternehmen wie die Suzlon, TechMahindra, TKM Global GmbH und andere sind in Hamburg ansässig. Noch viel mehr Hamburger Unternehmen haben allerdings Niederlassungen in Indien. Dazu gehören u. a. Airbus Industries, Beiersdorf, Lufthansa Technik, Kuehne+Nagel, Junhgheinrich und viele andere. "Mit mehr als drei Milliarden Euro Handelsvolumen ist Hamburg der fünftgrößte Handelspartner Indiens unter den deutschen Bundesländern. Außerdem ist Hamburg Heimat für zahlreiche Industrien, die starke Geschäftsbeziehungen mit Indien haben, insbesondere in Bereichen wie zivile Luftfahrt, Schifffahrt, Maschinenbau, Ingenieurswesen, Logistik, erneuerbare Energien und vieles mehr. Auch Kooperationen in anderen Bereichen wie Bildung, Forschung und Entwicklung wie auch Medien in denen Hamburg Kernkompetenzen besitzt, befinden sich im Aufwärtstrend", sagt Ruolngul. Während des letzten Besuchs von Kanzlerin Angela Merkel in Indien wurden Verträge zwischen DESY und dem Saha Institute of Nuclear Physics (SINP) in Kolkata unterschrieben, nach denen das SINP bei der Konstruktion und Durchführung von Experimenten in der PETRA-III-Anlage bei DESY im Wert von 14 Millionen Euro beteiligt ist.
Indiens Stellenwert für die hanseatische Wirtschaft kann daran ermessen werden, dass besonders der Hafen im Rahmen des Containerumschlages aus Indien stetige Wachstumsquoten erreicht. Die indische Hafenmetropole Mumbai hat daran den größten Anteil und so ist der Hamburger Hafen seit dem Jahr 2011 mit einer ständigen Repräsentanz in der indischen Küstenstadt vertreten. Die Hamburger Vertretung im Hafen Mumbai nimmt dabei viele wichtige Aufgaben wahr, die Kooperationen und organisatorische Lösungen für den gesamten indischen Subkontinent ermöglichen.
Das indische Generalkonsulat
Für zahlreiche Aspekte der Zusammenarbeit, Völkerverständigung und Verwaltung ist neben dem Staatsbürgerservice auch das Generalkonsulat Indiens in den Kohlhöfen in der Neustadt zuständig. Das seit 1952 in der Hansestadt ansässige Generalkonsulat betreut dabei eine Gemeinde von rund 5.500 in Hamburg lebenden indischen Bürgerinnen und Bürgern, von denen viele als Fachkräfte im Bereich der Finanzen, Computertechnologie und Digitalisierung tätig sind. Besonders deshalb setzt die Hansestadt seit Jahren auf Kooperationen mit indischen Forschungsinstitutionen und Universitäten. Indische Studentinnen und Studenten machen an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) den größten Anteil der internationalen Studierenden aus.
Neben Hamburg ist das indische Generalkonsulat auch für die Belange indischer Bürgerinnen und Bürger in Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zuständig. Zu den weiteren Aufgaben des Generalkonsulats und des Generalkonsuls gehören die Förderung und Stärkung der Handelsbeziehungen zwischen Indien und Deutschland sowie kulturelle Beziehungen.
Integration und farbenfrohes Veranstaltungsspektakel
Das Generalkonsulat Indiens arbeitet mit 15 indischen und indisch-deutschen Verbänden zusammen. Neben führenden Handelsverbänden bestehen besonders mit dem Ost-Asiatischen-Verein (OAV) und der Hamburger Handelskammer enge Zusammenarbeiten. Teilnahmen an regionalen Konferenzen oder Veranstaltungen wie dem Wirtschaftsgipfel sowie der Handelskammer Hamburg sind längst Routine. Es gibt in Hamburg aber noch etliche Vereine und Organisationen, die sich der Gemeindearbeit oder künstlerischen und kulturellen Belangen widmen. Eine gewichtige Rolle übernimmt hier unter anderem die Deutsch-Indische Gesellschaft oder die Kreativszene um die Kampnagelfabrik. Viele gemeinsame Projekte und Themen konnten so in der Vergangenheit realisiert werden.
Amtsantritt inmitten der Pandemie
Eine schwierigere Zeit für seinen Start als Generalkonsul in Hamburg hätte sich John H. Ruolngul wohl nicht aussuchen können. Inmitten der Corona-Pandemie, die Indien besonders hart getroffen hat, zog er mit seiner Frau im Dezember 2020 von Kopenhagen, wo er drei Jahre lang als Botschaftsrat der indischen Botschaft tätig war, nach Hamburg. Ruolngul wurde 1962 in einem Städtchen namens Churachandpur im Staat Manipur an der Grenze zu Myanmar geboren und studierte an der Manipur-Universität Literatur, bevor er in den Dienst des Außenministeriums eintrat. Als Diplomat repräsentierte er Indien bereits in Marokko, Mosambik, Japan, Vietnam und Dänemark. "Natürlich vermissen wir unsere Familie und unsere Kinder, aber die sind schon erwachsen und haben ihren Lebensmittelpunkt in Indien", sagt der Generalkonsul. Zusätzlich zu den Ängsten und Sorgen stellten die Pandemie ihn und das Konsulatsteam vor Herausforderungen wie die durch Schließungen entstandenen Verzögerungen und die Erkenntnis, dass Videokonferenzen nicht den gleichen Einfluss haben wie persönliche Treffen. Doch Ruolngul ist optimistisch: "Ich bin froh, dass sich die Situation langsam verbessert, und freue mich auf normalere Zeiten, in denen wir wieder ohne Hindernisse unseren Aktivitäten nachgehen können."
Ein Stück Indiens in Hamburg
Wer einmal ein kleines bisschen von der indischen Vielfältigkeit und Gastfreundlichkeit spüren möchte, wird im indischen Generalkonsulat fündig: "Das Generalkonsulat selbst ist eine Art Mini-Indien. Wer sich für Indiens Kultur, Menschen und Möglichkeiten der geschäftlichen Zusammenarbeit interessiert, ist herzlich eingeladen, das Konsulat zu besuchen. Wir veranstalten jedes Jahr mehrere kulturelle und geschäftliche Veranstaltungen für die Öffentlichkeit", sagt Ruolngul. Zu diesen Veranstaltungen gehören auch seit vielen Jahren der India Business Day und die zweijährlich in Hamburg stattfindende multikulturelle, farbenfrohe India Week, bei der Besucher in beeindruckender anschaulicher Art und Weise in mehr als 70 Einzelveranstaltungen an verschiedenen Orten in Hamburg einen tiefen Einblick in die Welt der hamburgisch-indischen Beziehungen bekommen. 15 dieser Veranstaltungen finden bei freiem Eintritt im Generalkonsulat statt. Trotz aller Schwierigkeiten durch die immer noch aktuelle Corona-Pandemie ist die diesjährige India Week für den 8. bis 14. November 2021 geplant. Ein Highlight der India Week werden die Konzerte der Rock-Fusion-Band Summersalt aus der Stadt Shillong, die als "Hauptstadt der Rockmusik Indiens" gilt, sein, die damit den Nordosten Indiens bewerben soll. Summersalt wird am 11. November ab 10 Uhr im Konsulat und am 14.11. ab 19 Uhr auf Kampnagel spielen.
Ein kulinarischer Tipp der HBZ-Redaktion ist der indische Gastronomietempel AuthenTikka in der Schäferkampsallee, wo viele Speisen der typischen indischen Küche in einem originalgetreuen Ofen zubereitet werden. Oder eines der indischen Restaurants in St. Georg, die wir in der Kulinariktour (HBZ 10/2017) vorstellten. Die klassischen Zutaten oder exotische Besonderheiten zum Nachkochen sind beispielsweise im Mehtab Indian Store in der Langen Reihe erhältlich. Besinnlichkeit und Ruhe bieten die beiden Hindu-Tempel und drei Sikh-Tempel (Gurudwaras), die für jeden zugänglich sind.
Bildergalerie
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Autor: VHSt
Quellen: Generalkonsulat der Republik Indien, Senatskanzlei Hamburg, Hamburg.de, Hafen- Hamburg.de, Deutsch-Indische Gesellschaft e. V.
Fotos: Senatsempfang während der India Week 2019 © Senatskanzlei Hamburg, Foto: Magdalena Hofer; alle weiteren Fotos: © Generalkonsulat der Republik Indien in Hamburg
HBZ · 11/2021
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