
Aufgeblättert: Buchtipp
'Jetzt haben wir den Juden Arendt endlich!'
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| Buchcover: (c) Wachholtz Verlag |
Wer heute über Hamburgs Edel-Shoppingmeile Neuer Wall flaniert, erfreut sich an den schillernden Fassaden und Luxusartikeln in den Auslagen. Dass sich in dieser weltbekannten Einkaufsstraße vor knapp einem Jahrhundert mehr als 40 Geschäfte, Unternehmen und Banken mit jüdischen Inhabern befanden, weiß kaum noch jemand.
Schuld daran sind die Nationalsozialisten, die im April 1933 zum "Judenboykott" aufriefen und die teilweise seit Jahrzehnten am Neuen Wall ansässigen jüdischen Geschäfte in den Jahren danach "arisierten".
Der Journalist und Historiker Cord Aschenbrenner ist tief in die Archive eingetaucht, hat die Originalquellen gesichtet, geschichtlich eingeordnet und zu dem erschütternden Buch Der Raub: Enteignung und Vertreibung der jüdischen Geschäftsleute am Neuen Wall in Hamburg komponiert. Privatbanken, Hutmacher, Exportvertretungen, Modehäuser und ein Fotoatelier in jüdischem Besitz boten am Neuen Wall ihre Dienste an. Dann kamen die Nazis und ermöglichten es, dass das Modehaus Simon Arendt zum Modehaus Horn wurde. Der Kaufmann Rolf Horn hatte bereits in Berlin zwei jüdische Unternehmen "erworben". Nun griff er am 1. März 1938 nach dem renommierten Hamburger Geschäft, das er samt Grundstück zum Schnäppchenpreis erwarb. Das Nazi- Hetzblatt Der Stürmer verleumdete den Geschäftsinhaber in einem Artikel und triumphierte: "Jetzt haben wir den Juden Arendt endlich!" Das Material für den menschenverachtenden Beitrag hatte Arendts früherer Chauffeur Probst geliefert, den seine Enkel liebevoll "Probi" nannten.
Simon Arendt starb 1940, seine Frau Rosalie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb 1945 entkräftet an den Haftfolgen. Horn verschied 1995 als vermeintlich honoriger Geschäftsmann und Kunstsammler. 1952 verpflichtete ihn die Wiedergutmachungskammer des Landgerichts zu einer (läppischen) Entschädigung von 200.000 D-Mark, nachdem eine gütliche Einigung zwischen ihm und der Arendt-Tochter Edith nicht zustande gekommen war. Cord Aschenbrenner ist es zu verdanken, dass Schicksale wie die der Arendts dem Vergessen entrissen wurden.
Cord Aschenbrenner: Der Raub. Enteignung und Vertreibung der jüdischen Geschäftsleute am Neuen Wall in Hamburg., Wachholtz Verlag, Hamburg 2025, 248 Seiten, 24 Euro
Autor: Volker Stahl
Fotos: (c) Wachholtz Verlag
HBZ · 10/2025
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