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Backsteinstadt Hamburg

Der Stein, der die Stadt prägte

Kohlenhalle des ehemaligen Gaswerks in Bahrenfeld von Adolf Schaar (1892-1895), Foto: (c) stahlpress Medienbüro
Kohlenhalle des ehemaligen Gaswerks in Bahrenfeld von Adolf Schaar (1892-1895), Foto: (c) stahlpress Medienbüro

Das Baumaterial, das seit den 1920er-Jahren das Stadtbild bestimmt, verschwindet oft hinter "Thermotapeten".

Vom östlichen Beginn der Willy-Brandt-Straße aus, am Zugang der U-Bahn-Station Meßberg, lässt sich ein Blick auf die Geschichte der Hamburger Stadtentwicklung werfen. Links sieht man ein von 1906 bis 1908 als Polizeiwache erbautes Haus. Gestaltet hatte es der Bauinspektor Albert Erbe. In einem Nachruf auf ihn hieß es 1922, er "lenkte als erster die Hochbautätigkeit des hamburgischen Staates in neue Bahnen, indem er in seinen Entwürfen mehr und mehr an die glänzende hamburgische Backsteinarchitektur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts anknüpfte und sie fortzubilden versuchte".

Ausdrucksstarke Farbvielfalt


Erbe war ein Protagonist des "Heimatstils", der dem "Sonin-Barock" verpflichtet war. Die Merkmale dieser nach Ernst Georg Sonnin, einem der Architekten der Hauptkirche St. Michaelis, benannten Bauweise sind unverblendete Backsteinmauern, Sandstein-Dekorationen und Schweifgiebel, die über die Dachflächen hinausragen. Schon bevor sich Oberbaudirektor Fritz Schumacher in den 1920er-Jahren einen Ruf als "Backsteinkönig" erwarb, setzte Albert Erbe bei öffentlichen Gebäuden auf rote Ziegel.

Backstein wird in zwei Varianten produziert. Für die gewöhnliche hellrote Art werden Lehm und Ton auf 800 Grad erhitzt. Beim hochwertigeren und teureren Klinker beträgt die Erhitzung über 1.000 Grad. Durch Sintern wird der Ziegel extrem dicht, wasserfest und frostbeständig. Bei diesem keramischen Prozess nimmt der Stein verschiedene Farben an: von dunkelrot und rotbraun über violett, braun, braunschwarz bis oliv- oder flaschengrün.

An Erbes Polizeiwache schließt das Kontorhaus an, das Fritz Höger von 1922 bis 1924 für den Kaufmann Henry Slomann schuf, der mit Salpeter aus Chile handelte. Das Chilehaus ist ein Paradebeispiel des "Backstein-Expressionismus", der bei den Fassaden die farbliche Vielfalt des Klinkers ausspielt.

Albert Erbes Polizeiwache am Klingberg und Fritz Högers Chilehaus,  Foto: (c) stahlpress Medienbüro
Albert Erbes Polizeiwache am Klingberg und Fritz Högers Chilehaus, Foto: (c) stahlpress Medienbüro

Dem Chilehaus gegenüber errichteten zur selben Zeit die Brüder Hans und Oskar Gerson Hamburgs "erstes Turmhaus", wie die Zeitungen es nannten. Mit zehn Stockwerken auf 50 Metern Höhe erscheint es heute bei weitem nicht mehr als "Wolkenkratzer". Es wurde zu Ehren des 1918 verstorbenen Albert Ballin, des Chefs der Reederei Hapag, Ballinhaus getauft. Am 14. November 1938, nachdem die Synagogen gebrannt hatten, verfügte der mächtigste Mann der Stadt, Reichsstatthalter Karl Kaufmann, dass das Geschäftshaus nicht mehr den Namen eines Juden tragen solle und nannte es in Meßberghof um.

UNESCO-Weltkulturerbe


Chilehaus und Ballinhaus erheben sich auf dem ehemaligen Areal eines der sogenannten Gängeviertel. Gegenüber auf der anderen Seite des Zollkanals liegt die Speicherstadt. Sie ist ebenso ein Monument der Backsteinarchitektur wie das Kontorhausviertel, das heute das Gebiet des Gängeviertels einnimmt. Beide wurden 2015 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Nachbar des Chilehauses ist der Sprinkenhof, das zeitweilig weltgrößte Bürohaus. Der mittlere Teil entstand 1927/28, der westliche 1930-1932 als Gemeinschaftsprojekt der Brüder Gerson und Fritz Höger. Hans Gerson starb 1931, Oskar wurde 1933 als Jude aus dem Bund Deutscher Architekten ausgeschlossen. Den Ostteil des Sprinkenhofs, erbaut 1939-1943, verantwortete Höger allein; er war seit 1933 NSDAP-Mitglied.

Das Kontorhausviertel, das sich nördlich vom Chilehaus bis zur Steinstraße und nach Westen bis zum Domplatz erstreckt, wird scherzhaft auch "Klophausviertel" genannt, weil der Architekt Rudolf Klophaus mit vier Bauwerken vertreten ist. Eine Historiker-Kommission, die die Biografien von Personen untersuchte, nach denen Straßen und Plätze benannt sind, nannte ihn 2022 einen "Nutznießer und Profiteur" des nationalsozialistischen Regimes. Klophaus schuf den Mohlenhof (1928/29), den Altstädter Hof (1936/37) und das Bartholomayhaus (1938/39). Den Grundstein für das seit 2016 so genannte "Helmut-Schmidt-Haus" legte am 22. Oktober 1938 Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels. Errichtet wurde es für das NS-Parteiorgan Hamburger Tageblatt. Nach 1945 war es als "Pressehaus" Sitz mehrerer Zeitungen und Zeitschriften und beherbergt heute Die Zeit.

Dem Kunsthistoriker Hermann Hipp zufolge gehörte Rudolf Klophaus seit den 1920er-Jahren "zu den besten der gemäßigt modernen Hamburger Backsteinarchitekten". Davon zeugen auch mehrere Wohnanlagen wie die am Kaiser-Friedrich-Ufer in Eimsbüttel oder die Siedlung um die Straße Fiefstücken in Winterhude. Von 1934 bis 1937 gehörte Klophaus zu den Architekten des Neuaufbaus des von den Nazis zerstörten Gängeviertels zwischen Gänsemarkt und Großneumarkt. Es galt den Machthabern als Hochburg der Kommunisten und Zentrum des Judentums, wo Felix Mendelssohn Bartholdy und Carl von Ossietzky geboren wurden.

Wie Hamburg Backsteinstadt wurde


Die als typisch hamburgisch angesehene Backsteinbauweise wurde eigentlich in Hannover geprägt. Am dortigen Polytechnikum lehrte Conrad Wilhelm Hase seit 1849 Architektur. Sein stilistisches Ideal war die Backsteingotik des Mittelalters, die sich vor allem in Kirchenbauten realisierte. Das Hauptmerkmal der "Hannoverschen Architekturschule" war, dass das Baumaterial nicht verdeckt wurde. Ihr Credo lautete: "Putz ist Lüge".

Ehemalige Oberschulbehörde an der Dammtorstraße (1911-1913) von Fritz Schumacher (r.),  Foto: (c) stahlpress Medienb
Ehemalige Oberschulbehörde an der Dammtorstraße (1911-1913) von Fritz Schumacher (r.), Foto: (c) stahlpress Medienb

Die vorherrschende Fachwerkbauweise, die Backstein und Holz kombinierte, wurde auch deshalb allmählich verdrängt, weil sie anfällig für Brände war. Ein Reservat solcher Häuser aus dem 18. Jahrhundert ist bis heute an der Remmerstwiete auf der ehemaligen Cremon-Insel erhalten. Der erste Boom des Backsteinstils in Hamburg geht zurück auf die Katastrophe von Mai 1842, als der größte Teil der heutigen Innenstadt den Flammen zum Opfer fiel.

Ein rascher Wiederaufbau war nur mittels heimischen Baumaterials zu bewerkstelligen. Gestein hätte aus ferneren Regionen herbeigeschafft werden müssen; reichlich verfügbar hingegen waren in Marsch und Geest die Rohstoffe Lehm und Ton für den Ziegelbrand. Die massenhaft in Hamburg benötigten Ziegel stammten vorwiegend aus dem Land Kehdingen an der Niederelbe zwischen den Flüssen Oste und Schwinge. Im Jahr 1843 gab es dort 92 Ziegeleien, die jährlich rund 50 Millionen Steine erzeugten. Als der Bau der Speicherstadt begann, waren es sogar 138 Betriebe.

Von den Alsterarkaden zu den Grindelhochhäusern


Maßgeblich für die "Nachbrandarchitektur" war Alexis de Chateauneuf. Bei seinem Hauptwerk, den Alsterarkaden, erbaut von 1844 bis 1846, entsprach er noch dem Geschmack der wohlhabenden Bürger, die weiß verputzte Fassaden bevorzugten - wie etwa bei ihren Villen in den Elbvororten. Aber wo er konnte, setzte Chateauneuf auf die Ziegelsichtbauweise, so bereits vor dem Brand 1839/40 beim Amalienstift in St. Georg oder danach bei der heute so genannten Alten Post (1845-1847).

Schon unter Hans Zimmermann, der über 36 Jahre lang bis 1908 als Baudirektor wirkte, kam auch gelber Klinker zum Einsatz. Dieser prägt auch die erste Hochhaus-Siedlung Deutschlands, die 1956 vollendeten zwölf Grindelhochhäuser. Gelben Klinker verwendete auch Paul Seitz, der bis 1963 das Hochbauamt leitete, bei zahlreichen seiner Gebäude wie dem Philosophenturm auf dem Campus der Universität oder beim Bezirksamt Nord.

Wohnen in Backstein


Dafür, dass der rote Backstein bis heute das Stadtbild beherrscht, sorgten die Oberbaudirektoren Fritz Schumacher in Hamburg und Gustav Oelsner im bis 1937 selbstständigen Altona, nicht zuletzt dadurch, dass sie in großem Stil Wohnraum schufen. Einfache Backsteinfassaden und große Fenster mit breiten Sprossenelementen sind das Markenzeichen der Siedlungen in Barmbek, Winterhude, Dulsberg, Hamm, auf der Veddel und in Ottensen. Sofern sie unter den Bombardements des Zweiten Weltkriegs gelitten hatten, wurden sie in den 1950er-Jahren nach den alten Plänen wieder aufgebaut. "Wenn die Sonne direkt auf die Fassade scheint, ergibt das ein klares Erscheinungsbild: rote Fassade, weiße Fenster. Das ist typisch 1920er-Jahre", erklärt der Architekt Ivo Krings aus dem Vorstand der Fritz-Schumacher-Gesellschaft. Als "Schwarzbrot- Architektur" bezeichnet er dieses solide Bauen mit starkem Charakter. "Klinker ist ähnlich unverwüstlich wie Beton."

Auf Backstein ruht auch das touristische Wahrzeichen der Stadt, die Elbphilharmonie. Ihr Sockel ist der 1966 fertiggestellte Kaispeicher A, geschaffen von Werner Kallmorgen, der den Wiederaufbau der Speicherstadt leitete, die zur Hälfte im Zweiten Weltkrieg beschädigt oder vernichtet worden war. Einer der Architekten, die die Backsteintradition prominent fortsetzen, ist Volkwin Marg. Freilich musste er beim Bau des 1980 eröffneten Hanse-Viertels auf Arbeiter aus Krakau zurückgreifen, die sich den Scherz erlaubten, unterhalb eines Glockenspiels in der Passage aus verschiedenfarbigen Steinen das Wort "Polen" zu bilden.

Langsames Verschwinden


Schumachers "Schwarzbrot" wurde im Zuge von Wärmeschutzmaßnahmen oft in "Weißbrot" umgewandelt. Hinterhoffassaden verschwanden hinter weißem Putz, Straßenfassaden hinter Wärmedämmverbundsystemen - "Gummitapeten" nennt sie der Architekt und Soziologe Volker Roscher etwas despektierlich. "Die Reliefstruktur der Außenwände, ihre handwerkliche Besonderheit wird einfach überklebt", kritisierte der Architekturhistoriker Olaf Bartels. Auch Hermann Hipp registrierte das langsame Verschwinden des Backsteins mit Entsetzen: "Das Stadtbild hat sich durch die Fassadendämmungen so katastrophal verändert, dass der Glanz der 1950er-Jahre verloren gegangen ist."

80 Prozent der Backstein- und Klinkerfassaden mit den weißen Sprossenfenstern sind bereits verschwunden. Seit die Politik wegen des Klimawandels und der permanent steigenden Energiekosten auf die drastische Senkung des CO2-Ausstoßes setzt, drohen die verbliebenen Fassaden hinter "Thermotapeten" zu verschwinden. Das Problem sei freilich schon älter, sagt der emeritierte Professor Hans-Günther Burkhardt: "Besonders bei den Sanierungen Ende der 1960er-Jahre wurde alles Mögliche an die Fassade gehängt - sie wurde versaut!" Vor allem stilprägende Wohnquartiere möchte der Ehrenvorsitzende der Fritz-Schumacher-Gesellschaft für nachfolgende Generationen bewahren.

"Überformung verändert die Optik", sagt auch Joachim Schreiber, der im Auftrag der Hamburgischen Investitions- und Förderbank IFB Qualitätssicherung für Backsteinfassaden vornimmt. Die Energieersparnis betrage nach Dämmung selten die prognostizierten 20 Prozent, weil die Bewohner erfahrungsgemäß die Fenster häufig auf Kipp stellen wegen des schlechten Binnenklimas. Schreiber weist darauf hin, dass nur rund drei Prozent aller Gebäude in Deutschland denkmalgeschützt sind, "deshalb sollte man erst einmal die 97 Prozent anderen dämmen". Es bleibt also zu hoffen, dass zumindest Teile der Backsteinstadt Hamburg erhalten bleiben.

Interview mit dem Kunsthistoriker Dr. Jörg Schilling, Herausgeber der Hamburger Bauhefte


Dem Heimatstil um 1900 lagen unterschiedliche Auffassungen zugrunde - in dem Sinne, dass die Pflege einer Tradition rückwärtsgewandt sein kann, aber nicht muss. Zumal wenn es sich um den Genius Loci handelt, der im Falle Hamburgs unzweifelhaft mit dem Backstein verbunden ist. Der Backstein ist mangels Fels- oder Sandsteinvorkommen das Baumaterial der norddeutschen Tiefebene seit Jahrhunderten. Darüber hinaus ist Backstein heute, wo Regionalität im Sinne der Nachhaltigkeit eine aktuelle Bedeutung hat, ein topaktuelles Material. Schon immer wurde es recycelt. Und mit Backstein lässt sich ebenfalls hochmoderne Ästhetik kreieren.

Ursprünglich ging es beim Backsteinstil Hannoverscher Art darum, den Ziegel als Baumaterial nicht hinter Putz zu verbergen. Bei prominenten Backsteinbauten wie dem Chilehaus ist der Ziegel indes nur eine Fassade, hinter der sich ein Stahlbetonskelett verbirgt. Was sagt das über die Authentizität der Backsteinarchitektur?
Nicht viel. Aber diese Frage ließe sich - vor dem Hintergrund des ideologischen Backgrounds der Hannoverschen Schule - eigentlich nur in Form eines wissenschaftlichen Exkurses beantworten. Aber soviel: Sowohl beim Bauern- und Fachwerkhaus als auch bei den Bauten der Hamburger Speicherstadt im neogotischen Stil oder bei den Geschäftsbauten im Kontorhausviertel fungiert der Backstein als Fassadenmaterial - bei Ausfachungen, vor einer Holz-, einer Eisen- oder einer Stahlbetonkonstruktion. Da fragt niemand nach Authentizität.

Die Backsteinarchitektur hat in Hamburg eine große Vergangenheit. Hat sie noch eine Zukunft?
Warum nicht? Baukünstlerisch steht dem nichts im Wege. Da Beton - auch als Fassadenmaterial aus Nachhaltigkeitsgründen ausgedient hat und es heute weniger um Neubau als mehr um Erhalt, Umbau und Bauen im Bestand geht, könnte der Backstein eine neue Symbolkraft erlangen. Aber das entscheiden wirtschaftliche Erwägungen.


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Autor: Volker Stahl
Fotos: (c) stahlpress Medienbüro

HBZ · 07/2026
 
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