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Wilhelm Simonsohn

Wilhelm Simonsohn
Wilhelm Simonsohn
Mir gegenüber sitzt ein VHSt-Mitglied, das 1986 unserem Verein beitrat und auf 100 Jahre gelebte deutsche und Hamburger Geschichte zurückblickt.

Wilhelm Simonsohn feierte am 9. September 2019 seinen 100. Geburtstag und bekam im selben Jahr für seinen Einsatz und sein Engagement für die Demokratie als Zeitzeuge in Hamburger Schulen das Bundesverdienstkreuz verliehen. Vor zwei Monaten schaute er spontan beim Stadtteilgruppentreffen unter der Leitung unseres 1. Vorsitzenden Joachim Meyer in Altona vorbei und erzählte ein wenig aus seinem bewegten Jahrhundertleben. Das hat uns so beeindruckt, dass sich Samira Aikas für die HBZ kurz danach bei ihm zu Hause in Bahrenfeld zu einem Interview mit ihm getroffen hat.

Schöne Kindheit auf Umwegen

Am 9. September 1919 wurde Wilhelm Simonsohn in Altona geboren und von seiner leiblichen Mutter, die in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebte, in das Landpflegeheim in Osdorf gegeben. Als er erkrankte und ins Altonaer Kinderkrankenhaus in der Bleickenallee kam, nahm sein Leben eine gute Wendung: Die dortige Oberschwester sorgte dafür, dass das kinderlose Ehepaar Simonsohn ihn als Pflegekind aufnahm und später adoptierte. Sein Adoptivvater Leopold Simonsohn, ein deutschnationaler getaufter Christ, stammte aus einer jüdischen Glasfabrikantenfamilie aus Hamburg. Er selbst war ein wohlhabender Kohlenhändler und betrieb das bekannte Steenkamper Kohlenlager. Mit seinen Kohlen wurden u. a. Reemtsma, die Elektromaschinenfabrik Altmann und die Bahrenfelder Kirche beliefert. Seine Adoptivmutter Bertha war eine Christin aus einer angesehenen Hamburger Kunststein-Fabrikantenfamilie. Sie waren liebevolle Eltern, die ihm zur Zeit der Weimarer Republik den bestmöglichen Start mit guten Schulen und einer Mitgliedschaft in der Yachtschule Blankenese ermöglichten. Er wuchs in Bahrenfeld auf, das bis 1938 als Teil von Altona zu Holstein gehörte, und verbrachte seine Kindheit in der Steenkampsiedlung.

Zwei Jahre, die alles veränderten

Bis zum Jahr 1933 wusste er nicht, dass er adoptiert und sein Adoptivvater Jude war, bis er zum Christentum konvertierte. Nach Hitlers Machtergreifung wurde das Geschäft seines Vaters boykottiert. "Besonders die Juden, die keine mehr waren, waren Hitler ein Dorn im Auge", sagt Wilhelm Simonsohn. Auch er selbst bemerkte, dass man ihm nun anders begegnete. In der Schule wurden seine Leistungen schlechter bewertet und er wurde von anderen Jungen der Yachtschule als "Judenlümmel" bezeichnet. Als er seinen Vater entrüstet darauf ansprach, sagte dieser: "Du bist weder ein Jude noch ein Lümmel!" und schickte ihn zu einem Gespräch mit dem Pastor der Bahrenfelder Lutherkirche. Dieser eröffnete dem 15-Jährigen, dass er adoptiert und sein Vater in den Augen der Nazis ein Jude sei. Für den Jungen machte das, nach einem ersten Schock, keinen Unterschied. Aus der Yachtschule und der Hitlerjugend trat er aber aus.

Nach dem Reichsarbeitsdienst, bei dem er im Emsland Kanäle für die Torfkähne grub, wurde Wilhelm Simonsohn im Alter von 19 Jahren zu den Seefliegern nach Schleswig eingezogen. Nach nur drei Tagen als Rekrut erhielt er ein Telegramm von seiner Mutter, in dem stand, dass sein Vater verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert worden war. Nach Vorsprache bei seinem Vorgesetzten bekam er drei Tage Sonderurlaub. Er fuhr los und sprach in Wehrmachtsuniform und mit allen Orden - darunter auch der Löwenorden erster Klasse - und Auszeichnungen seines Vaters bei dem Gauhauptstellen- Amtsleiter vor, um sich für die Freilassung seines Vaters einzusetzen. Ob sein Vorsprechen den Ausschlag gab, weiß er bis heute nicht, aber vier Wochen später wurde sein Vater freigelassen. "Er war immer ein humorvoller Mensch, aber als er nach Hause kam, waren sein gepflegter Kaiser-Wilhelm- Bart und seine Haare abrasiert, sprach er kaum noch und lachte nicht mehr. Er verließ auch nicht mehr das Haus", erinnert er sich. Ein Jahr später starb sein Vater im Alter von nur 56 Jahren an den Folgen der Haft. Heute erinnert ein Stolperstein bei der Ebertallee 203 an ihn.

Vom Soldaten zum Pazifisten

Wieder zurück bei der Truppe gehörte er als Heeresaufklärer der Fliegerstaffel an und war beim Polenüberfall 1939 als Bildsoldat dabei, der aus der Luft Fotos für die Aufklärung schoss. Das Elend, die Zerstörung und der Leichengeruch der rund 20.000 Toten in Warschau ließen ihn, wie er meint, schlagartig um gefühlt 10 Jahre altern und später zum Pazifisten werden. Danach entschloss er sich zu einer Pilotenausbildung. Um zu dieser zugelassen zu werden, wählte er einen ungewöhnlichen Weg: Er schrieb ohne den Umweg über seine Vorgesetzten einen Brief an den Generalluftzeugmeister Ernst Udet. Als er tatsächlich eine positive Antwort bekam, waren sein Spieß und Oberst über diese Frechheit zwar alles andere als erfreut, mussten ihn aber zur Fliegertechnischen Untersuchungsanstalt und danach zur Fliegerschule der Wehrmacht ziehen lassen. "Ich war dann bei den Nachtjägern und wurde zweimal abgeschossen, habe drei Bruchlandungen gemacht, aber alles überlebt. Ich habe zum Glück nie Bomben auf menschliche Siedlungen werfen müssen."

Wilhelm Simonsohn mit dem 1. Vorsitzenden Joachim Meyer und seinen Freunden und Medienboten Gerd und Ursula Reimers
Wilhelm Simonsohn mit dem 1. Vorsitzenden Joachim Meyer und seinen Freunden und Medienboten Gerd und Ursula Reimers

Die große Liebe

Aufgrund eines Marschbefehls 1944 nach Wien war Wilhelm Simonsohn mit der Bahn unterwegs, als er die Bekanntschaft mit einer bildschönen Maidenführerin des Reichsarbeitsdienstes machte. Als Kavalier half er ihr, ihren Bastkorb voller Äpfel, den sie mit sich trug, in das Gepäcknetz zu befördern, und begann eine Unterhaltung, obwohl er ihre Uniform eher abschreckend fand. Die beiden tauschten ihre Adressen aus und Elisabeth, kurz "Liesel", faszinierte ihn so sehr, dass er seine Waffe im Abteil vergaß. Ob sie ihm nachrief "Herr Feldwebel, Sie haben Ihre Braut vergessen!", wie er meint, oder "… Sie haben Ihre Waffe vergessen!", wie sie sich zu erinnern meinte, blieb während ihrer glücklichen 60 Jahre andauernden Ehe ungeklärt. Nach der Flucht aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft kehrte er zu seiner Liesel nach Hamburg zurück, heiratete sie und zog mit ihr in die Von-Sauer-Straße, wo er noch heute lebt.

Beamtenkarriere als Quereinsteiger

Zu seiner Beamtenlaufbahn kam Wilhelm Simonsohn über Umwege. Für eine Volkszählung für die britische Besatzungszone wurden Leute gesucht, um die Hollerithmaschinen im Logenhaus am Dammtor zu bedienen. In den Mittagspausen kam er mit Mitarbeitern der Universität ins Gespräch und erfuhr, dass die Hochschulabteilung der Schulbehörde Mitarbeiter suchte. "So trat ich 1947 in den Dienst der Freien und Hansestadt Hamburg als Büroangestellter der Vergütungsgruppe VIII TO.A. Später, 1949, während der Währungsreform, wurde ich in die Haushaltsabteilung meiner Behörde versetzt. Meine vorläufige berufliche Heimat fand ich dann im Personalwesen. Ich hatte das Glück, als sogenannter bewährter Büroangestellter und Quereinsteiger einen Lehrgang für den gehobenen Dienst als Verwaltungsbeamter machen zu dürfen, und wurde so 1952 als außerplanmäßiger Regierungsinspektor in das Beamtenverhältnis übernommen", erinnert sich Simonsohn.

Für das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) wurde er für die Stelle eines Verwaltungsleiters vorgeschlagen und so zum ständigen Vertreter eines leitenden Regierungsdirektors. In erster Linie kümmerte er sich um Verwaltungsbelange. Aus dieser Zeit kann Wilhelm Simonsohn einige Anekdoten erzählen. So bekamen einige Hühner und ein Hahn dort ihr Gnadenbrot, nachdem sie alle Versuchsreihen durchlaufen und überlebt hatten. Nachbarn beschwerten sich über den Hahn, der nachts um zwei Uhr krähte. Der damalige Direktor des Instituts versprach ihm, den Hahn sofort ins Jenseits zu befördern, um weiteren Streitigkeiten keinen Boden zu geben. Am nächsten Tag beschwerten sich die Anwohner erneut über ein Krähen um sieben Uhr morgens. Es stellte sich heraus, dass ein Laborant, der ein marokkanischer Gastarbeiter war, Mitleid mit den Hennen hatte und für sie den Hahnenschrei imitiert hatte. Eine Geschichte, die Wilhelm Simonsohn noch heute ein Schmunzeln entlockt. Im UKE verbrachte er die letzten 15 Jahre seiner beruflichen Tätigkeit bis zu seiner Pensionierung im Herbst 1981.

Weltenbummler und Zeitzeuge

Als Pensionär ist er mit seiner Frau Liesel 18 Jahre lang jeden Herbst mit einem VW-Bulli durch die Welt gereist - von Italien bis in die Sahara. Als sie kurz vor der Diamantenen Hochzeit 2005 an den Folgen eines Unfalls starb, fingen ihn seine Zwillingstöchter, seine sechs Enkel und drei Urenkel auf. In gemeinsamer Arbeit mit seiner Tochter entstand 2012 seine Autobiografie Ein Leben zwischen Krieg und Frieden (Abera Verlag), wegen der er noch im selben Jahr Altkanzler Helmut Schmidt besuchen durfte. In dem langen Gespräch der beiden, die nur einen Altersunterschied von acht Monaten hatten, stellten sie viele Gemeinsamkeiten fest.

Auch heute noch ist er aktiv und engagiert: Er ist das älteste Mitglied der Hamburger Zeitzeugenbörse und besucht Hamburger Schulklassen, um der deutschen und Hamburger Geschichte durch seine Erlebnisse ein Gesicht zu geben. "Ich würde das gerne öfter tun, aber die Geschichtslehrer sind von den Zeitzeugenberichten nicht so angetan, da diese sehr subjektiv sind und teilweise nicht dem entsprechen, was in den Schulbüchern steht", sagt der engagierte Zeitzeuge. Besonders in Hinblick auf das derzeitige Erstarken des Rechtspopulismus sei die Arbeit der Zeitzeugen wichtiger denn je.

Außerdem sind ihm die Themen Umwelt und Europa wichtig. Mit vier Generationen Simonsohns war er auf der Fridays-for-Future-Demonstration vor dem Rathaus und hielt dort eine Rede, in der er u. a. die Bedeutung von Europa für die Zukunft betonte und dafür viel Beifall bekam. Er findet es allerdings schade, dass nicht mehr Hamburger höheren Alters an den Demonstrationen teilnehmen, die er so wichtig findet.

Bei der Weihnachtsfeier der Stadtteilgruppe Altona im IntercityHotel am 10. Dezember 2019 durfte er natürlich auch nicht fehlen. "Nachdem ich bei dem letzten Stadtteilgruppentreffen dabei war, freue ich mich schon auf die Weihnachtsfeier, die ja quasi gleich bei mir um die Ecke stattfindet", sagt Wilhelm Simonsohn. Nach einer Führung durch seine Wohnung, in der es zahlreiche Flugzeug- und Schiffsmodelle sowie viele Fotografien von seinen Afrikareisen mit seiner Frau zu bestaunen gibt, war es für mich an der Zeit, mich bis zum nächsten Stadtteilgruppentreffen zu verabschieden.


Autor: VHSt

HBZ · 01/2020
 
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