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Hamburg bereitet sich auf neue Krisen vor

Dystopie in Grau-Grün

Foto: (c) S. Külcü, stock.adobe.com
Foto: (c) S. Külcü, stock.adobe.com

Hamburg will resilienter werden und bereitet sich auf Krisen und Krieg vor - vor allem die Unternehmen der öffentlichen Daseinsfürsorge sind involviert. Doch keiner der wenigen erhaltenen Bunker schützt vor modernen Waffen.

Die NATO-Übung "Red Storm Bravo", die im September in Hamburg stattfand, zeigte, wie eng die zivil-militärischen Rädchen im Spannungsoder Kriegsfall miteinander verzahnt sind. Simuliert wurde die Verlegung von NATO-Truppen an die sogenannte Ostflanke "unter Kriegsbedingungen". Hauptschauplatz war der Hamburger Hafen, wo die Koordination des Militärs mit zivilen Behörden wie Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten geprobt wurde. Szenarien waren unter anderem die Abwehr von Drohnen, die Versorgung von Verletzten und die Reaktion auf zivilen Widerstand.

Zeitenwende im Zivilschutz?


Das Szenario zeigt, dass die 2022 nach dem völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz beschworene "Zeitenwende" langsam Gestalt annimmt. Das Bundesministerium für Inneres konstatiert eine durch "Cyberangriffe" verursachte "verschärfte Sicherheitslage in Deutschland" und warnt vor gezielter "russischer Desinformation" sowie "möglichen Sabotageakten" auf die kritische Infrastruktur in Deutschland. Diese Einschätzung hat zur Folge, dass die Bundesregierung nicht nur Unsummen in die Aufrüstung steckt, sondern dass auch der Zivil- und Katastrophenschutz mit einer Finanzspritze von 30 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren forciert wird.

Auch die Zivilgesellschaft scheint vom neuen Geist beseelt zu sein: Es ist nicht lange her, da wurden sogenannte Prepper belächelt, galten als rechtsextrem oder wurden als Spinner abgetan. Nun mutieren ehemalige Kriegsdienstverweigerer zu Heimatschützern und der private Bunkerbau erlebt eine Renaissance. Mittlerweile empfiehlt sogar das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), sich für Notsituationen mit überlebenswichtigen Gütern einzudecken - von einem "Grundvorrat" aus Lebensmitteln über die "Hausapotheke" bis hin zum "Notgepäck" mit Gummistiefeln, Unterwäsche und Thermoskanne. Diese Empfehlungen sind der "persönlichen Checkliste" in der vom BBK verantworteten Broschüre Katastrophen-ALARM zu entnehmen.

Wenig Schutz durch Bunker


Soviel zum Hintergrund der aktuellen Entwicklung. Doch wie ist Hamburg beim Zivil- und Katastrophenschutz aufgestellt? Beginnen wir mit dem schlimmsten aller Fälle, dem Krieg. Sollte die Elbmetropole - wie zuletzt im Zweiten Weltkrieg - Ziel von Bombenangriffen werden, sind die Überlebenschancen der Zivilbevölkerung nicht besonders gut, offen gesagt: schlecht.

Bunkerexperte Ronald Rossig, Foto: (c) stahlpress Medienbüro
Bunkerexperte Ronald Rossig, Foto: (c) stahlpress Medienbüro

Wer mit dem Bunkerexperten Ronald Rossig in einen der wenigen erhaltenen, halbwegs funktionsfähigen Bunker hinabsteigt, betritt eine dystopische Welt aus grau-grün schimmerndem Beton, verdreckten Waschtischen, verkrusteten Toiletten und Sitzschalen aus porösem Plastik. Die Räume des Bunkers am Hachmannplatz, dessen Eingang sich hinter einer Lamellentür im U-Bahn-Tunnel befindet, wirken im fahlgelben Licht unwirtlich und beängstigend. Schwere Türen aus Metall, die sich mit Kurbelgriffen verschließen lassen, verstärken das Gefühl der Ausweglosigkeit. An den Wänden befinden sich unter einem Labyrinth aus Rohren und Leitungen Hinweise wie "Handlüfter nur auf Anweisung bedienen" oder "Essensausgabe". Grüne Türen sind beschriftet mit "Bunkerwart", "Rettungsraum" oder "Frauen-Waschraum". Eine gruselige Vergangenheit blitzt wieder auf.

Eine Signatur auf einer weiß getünchten kahlen Wand verweist auf den "Durchgang zum ABC-Filterraum". Doch sogar ehemalige ABC-Schutzbauten wie der am Hachmannplatz böten keinen Schutz mehr vor atomaren, biologischen oder chemischen Waffen, erklärt Rossig: "Viel von der ehemals vorhandenen Schutzraumtechnik ist veraltet oder gänzlich entsorgt worden, die ABC-Filter ebenfalls, Brunnenanlagen wurden verschlossen." Damit sei den Bauwerken die Autarkie für einen benötigten Überlebenszeitraum von 14 Tagen genommen.

In einem anderen, mit aus den 1960er-Jahren stammender Technik vollgestopften Raum drückt Rossig, der schon Scharen von Interessierten durch Hamburgs Unterwelt gelotst hat, einen Knopf. Ein Generator springt an, rattert los und verursacht einen Lärm, der an Maschinengewehrsalven erinnert. "Im Krisenfall würde der ohne Unterbrechung laufen", sagt Rossig. Nichts für schwache Nerven. Ursprünglich wurden die von 1941 bis 1944 fertiggestellten Bauwerke neben dem Hauptbahnhof für Reisende der Deutschen Reichsbahn und Behördenmitarbeitende errichtet. Die Decke besteht aus 1,50 Meter dickem Beton, die Seitenwände umfassen 2 Meter und bieten Schutz gegen von Bomben verursachte Druckwellen, damit 4.000 Schutzsuchende in den drei Bunkern am Bahnhof überleben können.

Wie künftig schützen?


1945 gab es in Hamburg 1.051 Anlagen, viele davon beschädigt. 1950 waren es wegen der von der britischen Besatzungsmacht angeordneten Sprengungen noch 1.026. Heute gibt es noch 33, die teilweise zu Wohnraum (Heußweg), einem Energiebunker (Wilhelmsburg) oder einem Parkhaus (Spielbudenplatz) umgewidmet wurden. An der Feldstraße ist mit dem Grünen Bunker sogar ein Touristenmagnet entstanden. "Ab den 1970er-Jahren sprach man dann auch nicht mehr von Bunkern, die Gelder wurden in sogenannte Mehrzweckbauten investiert", sagt Rossig.

Während Bunkerexperte Rossig in einem "kompletten Rollback" keinen Sinn sieht ("Der Nutzen eines Bunkers, der nur auf seinen Einsatzfall wartet, ist nicht zu rechtfertigen.") und auf Mehrzweckanlagen, Garagen und den Bau unterirdischer Bahnhöfe setzt, ist André Berghegger, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, anderer Meinung: "Es ist dringend notwendig, stillgelegte Bunker wieder in Betrieb zu nehmen." Aktuell bieten die deutschlandweit aus dem Kalten Krieg übrig gebliebenen öffentlichen Schutzräume nur einer halben Million Menschen Schutz.

Röhrenbunker Tarpenbekstraße, Foto: (c) emkaham, stock.adobe.com
Röhrenbunker Tarpenbekstraße, Foto: (c) emkaham, stock.adobe.com

Das zu ändern, wäre Unsinn, entgegnet der Bürgerschaftsabgeordnete David Stoop (Die Linke): "Anstatt Milliarden für Aufrüstung und Bunker zu verschleudern, wäre es zukunftsträchtiger, in die soziale Infrastruktur zu investieren und globale Initiativen zur Rüstungskontrolle sowie neuen Abrüstungsverträgen voranzutreiben." Sogar Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) hält den Bau neuer Bunker für "sinnlos". Es sei weder technisch noch finanziell möglich, die Bevölkerung Hamburgs so vor einem Angriff mit Chemie- oder Atomwaffen zu schützen. Dem widerspricht Anna von Treuenfels-Frowein. Die Bürgerschaftsabgeordnete der CDU kritisiert, dass Hamburg beim Zivilschutz "nicht ausreichend" aufgestellt ist: "Der Senat hat dem Thema zu wenig Priorität eingeräumt." Das gelte auch für den klassischen Katastrophenschutz, betont von Treuenfels-Frowein: "Dort gibt es deutlichen Verbesserungsbedarf. Der rot-grüne Senat muss hier endlich handeln, die Einsatzkräfte stärken und bestehende Notfallpläne an aktuelle Bedrohungslagen anpassen."

Neuausrichtung des Bevölkerungsschutzes


Genau das geschehe derzeit, antwortet die zuständige Behörde für Inneres und Sport (BIS) auf Nachfrage: "In Anbetracht der veränderten sicherheitspolitischen Entwicklungen - insbesondere der Fokussierung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung sowie der Notwendigkeit, die zivil-militärische Zusammenarbeit und den Schutz kritischer Infrastrukturen zu stärken - wurden umfassende Maßnahmen zur konzeptionellen Neuausrichtung des Hamburger Bevölkerungsschutzes eingeleitet." Ziel sei die "Stärkung der Resilienz" durch die Einrichtung einer zentralen Abteilung "Krisenbewältigung und Bevölkerungsschutz" mit mehr als 40 Mitarbeitern in fünf Referaten: "Strategische Planung und Analyse", "Bevölkerungsschutz", "Kritische Infrastruktur/Cybersicherheit", "Aus- und Fortbildungen/Übungen" und "Zivil-militärische Zusammenarbeit".

Vorbereitung auf die nächsten Krisen


Dafür sind im Etat der Stadt 2025/26 rund 25 Millionen Euro eingepreist. Ein Großteil der Stellen wurde komplett neu geschaffen oder besetzt. Untergebracht ist die neue Abteilung in der Innenbehörde am Johanniswall, wo ein Staatsrat im Krisenfall alle Fäden in der Hand hielte. "Die bisherigen Strukturen, die vor allem auf klassische Katastrophenfälle ausgerichtet waren, reichen nicht mehr aus, um die zunehmend unspezifischen und langwierigen Krisenlagen effektiv zu bewältigen", konstatiert die Innenbehörde. Das bedeutet: Die Stadt strebt eine engere Verzahnung des militärisch konnotierten Zivilschutzes mit dem Katastrophenschutz an. In der Antwort der Innenbehörde auf die entsprechende Frage heißt es: "Schon heute beschäftigt sich ein gemeinsamer Arbeitsstab unter Beteiligung des Landeskommandos Hamburg und weiterer Fachbehörden mit den einzelnen Fragestellungen, unter anderem hinsichtlich logistischer Unterstützung bei möglichen Truppenverlegungen und den Auswirkungen auf die Hafen- beziehungsweise Verkehrsinfrastruktur." Im Rahmen der "intensiven zivil- militärischen Zusammenarbeit mit der Bundeswehr" gehe es darum, Anforderungen, die sich für die zivile Seite ergäben, frühzeitig zu identifizieren und entsprechende Maßnahmen zu treffen.

Öffentliche Unternehmen bereiten sich vor


Und wie sind die in der öffentlichen Daseinsvorsorge tätigen Unternehmen aufgestellt? Die Sprecherin der Hamburger Energiewerke, Bettina Schwarz, bestätigt zwar die Existenz eines "Krisenstabs", möchte sich aber "als Unternehmen der kritischen Infrastruktur bei diesem sensiblen Thema nicht detaillierter äußern". Werden die Energiewerke von der Bundeswehr beraten? Antwort: "Nähere Angaben hierzu sind nicht möglich." Zur Sicherstellung der Wärmeversorgung fänden aber "regelmäßige Übungen" statt.

Etwas auskunftsfreudiger ist Bernd Eilitz, Pressesprecher Hamburger Energienetze: "Wir trainieren Krisen, es wird immer ein Fall durchgespielt. Alles wird eingeübt." Welche Fälle der 30-köpfige Krisenstab siEtwas auskunftsfreudiger ist Bernd Eilitz, Pressesprecher Hamburger Energienetze: "Wir trainieren Krisen, es wird immer ein Fall durchgespielt. Alles wird eingeübt." Welche Fälle der 30-köpfige Krisenstab simuliert, will auch er "im Detail" nicht schildern, denn: "Das wäre eine offene Tür für Angriffe oder Saboteure." Soviel verrät Eilitz dann doch: "Besonders die IT-Sabotage ist ein wichtiges Thema." Ob auch der Kriegsfall geprobt wird? Keine Antwort. Kontakte zur Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr bestätigt Eilitz aber bezüglich "Energieprojekten". Und wie sieht die Kooperation mit der Innenbehörde aus? "Die Krisenstabsleitung pflegt mit den Behörden - auch mit der Innenbehörde - einen kontinuierlichen Austausch", antwortet Elitz. "Wir kennen hier alle relevanten Ansprechpartner und können so kurzfristig in Kontakt treten."

Auch Nicole Buschermöhle von HAMBURG WASSER bestätigt das Vorhandensein eines Krisenstabs, der binnen kürzester Zeit im Krisen- oder Katastrophenfall einberufen werden könnte. Auffällig: Auch Buschermöhle vermeidet, wie alle anderen Protagonisten aus der Politik, Verwaltung und öffentlichen Unternehmen das Wort "Krieg". Sollte die Versorgung mit Trinkwasser wegen einer Naturkatastrophe oder Unfalls stocken, dann könne HAMBURG WASSER durch einen Verbund von 17 Wasserwerken einen Ausfall in der Regel über mehrere Tage kompensieren, berichtet Buschermöhle. Bei einem flächendeckenden Stromausfall in der Stadt Hamburg und der Metropolregion sei die Versorgung aber beeinträchtigt: "Die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung erfolgt dann über Notbrunnen."

Auch Johann Gerner-Beuerle, Pressesprecher der Stadtreinigung Hamburg (SRH), bestätigt, dass es "verschiedene Notfallpläne" gebe, die bereits in der Corona-Zeit umgesetzt worden seien. Pressemitteilungen zu diesem Thema würden jedoch bewusst nicht versendet, denn: "Notfallpläne behandeln wir eher defensiv, wir gehen damit nicht offensiv an die Öffentlichkeit."

Die SRH sei im Krisen- und Verteidigungsfall als Abfallwirtschaftsunternehmen allerdings gut aufgestellt und könne die Entsorgung von Abfällen auch unter extrem schwierigen Bedingungen gewährleisten. Gerner-Beuerle nennt "klare Notfallpläne" und einen Krisenstab, der auch bei Ausfall der obligatorischen Kommunikationswege handlungsfähig sei. Der Müll werde weiter abgeholt - dank einer "redundanten Energieversorgung durch Notstromaggregate und ausreichende Treibstoffreserven für die Fahrzeugflotte". Wichtig sei vor allem die Sicherstellung der Kommunikation mit den Mitarbeitenden, Behörden und der Bevölkerung, um Anweisungen zu geben und über die aktuelle Lage zu informieren, frei nach dem Motto "Transparenz schafft Vertrauen und verhindert Gerüchte". Bleibt zu hoffen, dass die Pläne in der Schublade bleiben können.

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Autor: Volker Stahl

HBZ · 01/2026
 
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