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Eine Klasse schreibt einen Roman

10 Jahre Hamburger Schulhausromane

Schülerautoren der Stadtteilschule Stelligen bei der Lesung von 'Hotel Blue Diamond'
Schülerautoren der Stadtteilschule Stelligen bei der Lesung von 'Hotel Blue Diamond'

Am 30. Januar 2020 wurde im prächtigen historischen Eddy- Lübbert-Festsaal des Literaturhauses der 50. Hamburger Schulhausroman gefeiert.

Für den Festsaal wurden gerade von Finanzbehörde und Bezirken 170.000 Euro für eine denkmalgerechte Sanierung zur Verfügung gestellt. Bei dem Schulhausroman-Projekt schreibt eine Klasse gemeinsam unter Anleitung von Schreibcoaches einen eigenen Roman. Zum Jubiläum durften die Klassen 9b der Stadtteilschulen Mitte und Stellingen sowie zum ersten Mal auch eine Schreibklasse der JVA Hahnöfersand ihre Werke vorstellen.

Ein Erfolgskonzept aus der Schweiz

Das preisgekrönte Projekt wendet sich gerade auch an Jugendliche, für die Schreiben in deutscher Sprache nicht selbstverständlich ist. Der Schulhausroman wird in der Regel an Stadtteilschulen für die Klassen 7 bis 10, vorrangig mit einem Sozialindex von 1 oder 2, angeboten. Durch Förderer wie die BürgerStiftung, die Hamburger Literaturstiftung oder die Hanns R. Neumann Stiftung beschränkt sich die Eigenbeteiligung der Schulen auf 500 Euro. Das Projekt wurde 2005 von dem Schweizer Schriftsteller Richard Reich und seiner Frau, der Germanistin und Lektorin Gerda Wurzenberger, initiiert. Seitdem sind in der Schweiz, Österreich und Deutschland über zweihundert Schulhausromane erarbeitet worden. Bereits als Schreibcoaches dabei waren Monique Schwitter, Simone Buchholz, Jan Christophersen und viele andere.

Jeder Mensch kann schreiben

Die Schüler haben oft die Erfahrung gemacht, dass ihre Leistungen nicht den schulischen Anforderungen genügen. Die größte Herausforderung für die Schreibcoaches - die keine Lehrer sind - ist es daher, zunächst die Akzeptanz und das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen und sie davon zu überzeugen, dass jeder Mensch schreiben kann.

Die Schreibcoaches besuchen die Schüler innerhalb eines Schuljahres an mindestens acht Terminen. Sie verteilen Schreibaufgaben, helfen bei der Weiterentwicklung der Geschichte, korrigieren die Texte und verknüpfen sie am Ende zu einem Gesamtwerk. Schreiben gilt hier als künstlerischer Akt und nicht als orthografisch korrekte Höchstleistung. Den Schülern wird dabei eine große sprachliche Freiheit gelassen.

Aus Klassen werden Autoren

Themen der Romane sind häufig der Alltag, Hoffnungen, Fantasien und Ängste, Familie und Gesellschaft, Liebe und Sexualität, Gewalt, Migration und Integration. Dabei gibt es auch immer mal wieder neue Wortschöpfungen wie "zertränen" oder "hinterlisten". Auch wenn die Nennung aller Beteiligten als Autoren des Romans ein Erfolgserlebnis ist, hat auch schon mal eine Klasse auf diese Ehrung verzichtet, weil sie selbst fand, dass zu viele Kraftausdrücke benutzt wurden. Das erzählt Faisal, der 2010 mit seiner Klasse der Gesamtschule Wilhelmsburg den ersten Roman schrieb. Inzwischen schließt er sein Lehramtsstudium ab und unterrichtet an einem Hamburger Gymnasium.

Am Ende wird der Schulhausroman gedruckt, auf die Website gestellt und in einer feierlichen Lesung durch die Jugendlichen vor einem Publikum des kulturellen Lebens der Stadt im Festsaal des Literaturhauses präsentiert. So werden sie als Gruppe gestärkt, erweitern ihre sprachliche, soziale und kulturelle Kompetenz, entdecken eigene Talente und bauen Selbstvertrauen auf.

Klasse 9b der Stadtteilschule Hamburg-Mitte

Hotel Blue Diamond

Schreibtrainerinnen: Franziska Biermann und Esther Kaufmann

Bei dem 50. Schulhausroman handelt es sich um eine rasante Thriller-Romanze, die auf einer mexikanischen Insel spielt. Drogenhandel, Diamantenschmuggel, PTSD, ein hartnäckiger Ermittler mit seinem Hund, lesbische Liebe und eine Teenie-Romanze machen den Roman kurzweilig. Durch die Fülle an Figuren führt eine wunderschön von einer Schülerin illustrierte Schautafel.

Schreibklasse der JVA Hahnöfersand

The Trouble Way to Jail: Ein Ticket nach H-Sand

Schreibtrainerin: Stefanie Taschinski

Im 51. Schulhausroman geht es um einen Riesencoup und seine Folgen. Eine Vierer-Gang überfällt ein Juweliergeschäft in Schenefeld, um Uhren und Schmuck im Wert von einigen Hunderttausend Euro zu stehlen. Auf der Flucht werden sie gestellt und landen im Gefängnis. Die Jungs schrieben, wie sie reden, und geben interessante Einblicke in Leben und Gefühle der Insassen einer Justizvollzugsanstalt für Jugendliche.

Klasse 9b der Stadtteilschule Stellingen

Was passierte, nachdem er 100 wurde?

Schreibtrainerin: Leona Stahlmann

Der 52. Schulhausroman ist eine Klimadystopie, die sich auch der Problematik des Umgangs mit Senioren widmet. Der Roman entführt den Leser in eine scheinbar perfekte Wolkenstadt: immer sonnig, sauber und mit einem Bürgermeister, der vorbildliche Klimapolitik vorantreibt. Oder nicht? Und wohin verschwinden all die Alten, wenn sie 100 Jahre alt sind? Zwei Mädchen gehen dem Geheimnis auf die Spur. Ein spannender, kurzweiliger Fantasyroman.

Die beim Jubiläumsabend vorgestellten Romane ernteten auch in diesem Jahr großen Applaus. Alle bisher erschienenen Schulhausromane finden Sie als PDF-Download und zum Bestellen unter: schulhausroman.literaturhaus-hamburg.de

Autor: VHSt
Fotos: (c) Literaturhaus e. V., Fotograf: Martin Jäschke

HBZ · 03/2020
 
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