Titelfoto: © Eine Lochkarte war das Vorbild für die Fassade des Kallmorgen Tower, Foto: (c) stahlpress Medienbüro
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Geschichten aus Hamburgs Geschichte
Erquickendes Elixier
Das erste Kaffeehaus im deutschsprachigen Raum wurde bereits 1677 in Hamburg eröffnet, Foto: (c) Staatsarchiv Hamburg
Die Wiener Kaffeehaus-Kultur ist weltberühmt, doch die Hamburger waren schneller.
Das erste Kaffeehaus im deutschsprachigen Raum wurde im Jahr 1673 in Bremen eröffnet, im Oktober 1677 zog die Elbmetropole nach. "Um diese Zeit kam ein Englisch Mann in Hamburg und fing an Thee wie auch Coffee zu schenken", vermerkte damals ein aufmerksamer Chronist: "Diesem folgte ein Holländer: Darauf denn das Thee und Coffee trinken sehr gemein worden und numehr eine Veranlassung worden ist vieler Zusammenkünfte." Erst acht Jahre später - 1685 - zogen die Wiener nach.
Der Siegeszug des Kaffees
Ohne eine Tasse Kaffee geht für viele morgens gar nichts. Der koffeinhaltige Trunk - ob handgefiltert oder aus der computergesteuerten Edelmaschine - ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Dennoch gab es in Mitteleuropa vorzeiten eine Welt ohne Kaffee. In Deutschland wurde quasi rund um die Uhr Bier getrunken, vor allem weil es billig war. Zudem war es keimfrei, im Gegensatz zum verfügbaren Wasser.
Beliebtes Café mit Gästen im Biedermeier-Look: die Alsterhalle in Giovanoli's Conditorei, Foto: (c) Staatsarchiv Hamburg
Der Siegeszug des dunklen Elixiers in Europa begann im 17. Jahrhundert. "Die ersten Kaffeehäuser in Hamburg wurden von Emigranten gegründet, wie etwa von den in Frankreich verfolgten Hugenotten", berichtet Bärbel Dahms, Leiterin des Burg Kaffeemuseums in der Speicherstadt. Schon 1686 machten in Nürnberg und Regensburg weitere Kaffeeschenken auf. Der Rohkaffee kam selbstverständlich über den Hamburger Hafen in die Hansestadt und damit in die Handelskontore. Eines der berühmtesten Kaffeehäuser ist das 1720 eröffnete Caffè Florian in Venedig, das heute noch existiert.
Das Kaffeehaus als gesellschaftliches Zentrum
Mit dem Kaffeehaus zog auch eine neue Kultur der Nüchternheit in das vom Bierkonsum geprägte Deutschland, das es als politische Einheit noch nicht gab. Die Orte, an denen das schwarze Getränk ausgeschenkt wurde, waren auch Zentren der Debatte. Es war die Zeit der Frühaufklärung. Neue, revolutionäre Ideen machten die Runde, vor allem im gebildeten Bürgertum.
Doch nicht nur Denker und Philosophen frequentierten die Kaffeehallen, sondern auch Börsianer und Kaufleute. Hier machten in einer Zeit ohne moderne Medien die neuesten Nachrichten schnell die Runde. Es war schon beinahe Pflicht, sich in diesen Kreisen zu bewegen, um Anschluss an das gesellschaftliche Leben der Hansestadt zu gewinnen. Einem jungen Mann wurde beispielsweise empfohlen: "Gehe fleißig in die allerberühmtesten Kaffee-Häuser und trachte einen guten Freund zu haben, der dich in die unterschiedlichen Versammlungen führe, die öfters in solchen Häusern gehalten werden."
Giovanoli's Conditorei und Alsterhalle, Foto: (c) Staatsarchiv Hamburg
Den ersten Kaffee nahm man in der Regel gegen 10 Uhr ein. Mittags zog es die Hanseaten dann ins Kaffeehaus, notierte Johann Peter Willebrand 1783: "Gegen zwölf Uhr ist es wiederum Zeit, auf die Coffeehäuser zu gehen, und da die neuen Zeitungen und Journale und andere öffentliche Nachrichten zu lesen." Eine besondere Attraktion der frühen Cafés waren die Billardtische, die eifrig genutzt wurden. Tatsächlich besuchten auch Dichter die Koffeintempel wie etwa der in Hamburg geborene Friedrich von Hagedorn (1708-1754), der 1738 sein bedeutendes Werk Versuch in poetischen Fabeln und Erzählungen veröffentlichte. Hagedorn lebte keineswegs im sprichwörtlichen Elfenbeinturm: Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Sekretär des "English Court", einer Handelsgesellschaft von Kaufleuten.
Doch nicht alle sind willkommen
So sehr auch die Kaffeehäuser Orte waren, in denen noch im 17. und 18. Jahrhundert Ideen der frühbürgerlichen Aufklärung, der Freiheit, Gleichheit und Toleranz debattiert wurden, gab es auch unerfreuliche Entwicklungen. So kam Anfang des 19. Jahrhunderts parallel zum beginnenden Nationalbewusstsein eine antisemitische Stimmung in Deutschland auf. Unter der Parole "Smiet jüm rut" (Plattdeutsch: "Schmeißt sie raus") wurden Juden oder jene, die man dafür hielt, aus den Kaffeehäusern der Hansestadt geworfen. Überliefert ist ein Pogrom im August 1835 in der "Alsterhalle", einem Café am Neuen Jungfernstieg, als eine kleine Gruppe von Juden von einer Übermacht angegriffen wurde. Am folgenden Tag kehrten rund 40 junge Männer jüdischen Glaubens zurück, um sich Einlass zu verschaffen. Dabei kam es zu einer Auseinandersetzung mit 200 bis 250 christlichen Jungmännern. Schließlich rückte die Polizei an und löste den Tumult auf. Die "Alsterhalle" wurde daraufhin geschlossen und öffnete neu als "Privatclub". Zutritt gab es ab dem Zeitpunkt nur über einen Mitgliedsausweis zum Preis von jährlich zwei Mark. Auch im ersten Alsterpavillon, ab 1799 am Jungfernstieg, gab es immer wieder antijüdische Ausschreitungen.
Dem Bier in die Suppe gespuckt
Die Kaffeehauskultur breitete sich rasant in Hamburg und anderen deutschen Städten aus, wenn auch argwöhnisch beobachtet von den Brauereien. "Die bis dahin so beliebte Biersuppe als unerlässliche Frühstückskost trat die dominierende Stellung an Kaffee und Tee ab", stellt der Historiker Eckart Kleßmann in seiner Geschichte der Stadt Hamburg fest. Allerdings setzten den Hamburger Brauern auch englische Importe zu. Die Hanseaten orderten zunehmend Porter und Ale aus Großbritannien, auch weil die Qualität der hamburgischen Biere sich verschlechtert hatte - aber das ist eine andere Geschichte.
Bildergalerie
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Autor: Reinhard Schwarz
Fotos: Staatsarchiv Hamburg
HBZ · 04/2026
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