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Menschen im Verein: Gerd Lütjens

'Ich habe immer irgendwas gemacht'

Gewerkschafter und Antifaschist: Gedenktafel am Besenbinderhof
Gewerkschafter und Antifaschist: Gedenktafel am Besenbinderhof
Manchmal spielt einem das Leben schon seltsame Streiche. Manchmal kommt es über Umwege auf den Punkt. Manchmal braucht es einen Irrtum, um voranzukommen.

Am 3. August stellt unser 2. Vorsitzender Bernd Ricanek mir auf der Mitgliederversammlung des VHSt Gerd Lütjens vor, den Vorsitzenden des ver.di-Landesbezirks-Senior:innenausschusses Hamburg.

Für mich ist selbstverständlich, dass er als Mitglied vor Ort ist. Etwa drei Monate später vereinbare ich einen Termin mit ihm. Ich interessiere mich dafür, wie er zum VHSt gekommen ist, und möchte mehr über seine ehrenamtliche Arbeit erfahren. Denn die Frage, was unsere Mitglieder neben dem Verein noch so alles tun und welche Chancen für Kooperationen und Aktivitäten sich daraus ergeben könnten, treibt mich um.

Streitbare Seniorinnen und Senioren

Wir treffen uns im Foyer des Gewerkschaftshauses am Besenbinderhof und fahren mit dem Fahrstuhl in den achten Stock. Dort befindet sich das Büro des ver.di-Landesbezirks- Senior:innenausschusses. Sich den Raum zu sichern, habe einige Kämpfe gefordert, erzählt Lütjens. Denn die Seniorinnen und Senioren sind ja nicht mehr im Betrieb tätig, können nicht mehr streiken. Da war nicht allen einsichtig, warum sie einen eigenen Raum brauchen. Doch die (Un-)Ruheständler der ver.di Hamburg sind streitbar und hartnäckig - und setzten sich durch.

Warum Lütjens auch im Ruhestand noch in der Gewerkschaft aktiv ist, will ich wissen. "Das ist das erste Mal, dass wir unabhängig von Parteiinteressen die Interessen älterer Menschen in die gewerkschaftliche Meinungsbildung einbringen und gesellschaftspolitisch voranbringen können", ist die Antwort. Eines der Themen, um die es dabei in den letzten Jahren besonders ging, war die Sperre der HVV-Senioren-Karte vor 9 Uhr morgens. Gemeinsam mit anderen kämpften die ver.di-Seniorinnen und -Senioren um deren Aufhebung. Mit Erfolg: Seit Ende 2019 gilt die Karte rund um die Uhr. Aktuell ist es die Mietentwicklung, die besonders im Fokus ist. Daneben stehen Veranstaltungen und Freizeitangebote, Sozial- und Rentenberatung und anderes. Die Aktiven sind nicht nur rüstig, sondern auch rührig.

Erste Gemeinsamkeiten werden entdeckt

Im Raum entspannt sich bei einer Tasse Tee ein angeregtes Gespräch. Schnell sind Gemeinsamkeiten gefunden, die zum "Du" führen, so etwa das Studium ohne Abitur und die Studienförderung durch die heutige Hans-Böckler-Stiftung, die wir beide genossen haben. Oder die Wertschätzung für unseren ehemaligen 1. Vorsitzenden Joachim Meyer, der fast 20 Jahre Lütjens' Chef in der Sozialbehörde war. Doch beginnen wir am Anfang.

Kind einer Arbeiterfamilie

Um zu verstehen, warum Lütjens auch als Rentner noch aktiver Gewerkschafter ist, muss man zurück zu seinen Anfängen: Am 3. November 1946 wurde er in Bremerhaven, damals noch Wesermünde, als Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Die Mutter war Pelznäherin, der Vater arbeitete auf einer Werft. Die Nähe zur Gewerkschaft wurde ihm quasi in die Wiege gelegt: Sein Vater war Vertrauensmann der IG Metall, der Onkel Betriebsratsvorsitzender eines Maschinenbaubetriebs.

In diesem Umfeld wuchs Lütjens auf, in einer Arbeitersiedlung am Stadtrand, gebaut in Eigenarbeit von Werftarbeitern des Norddeutschen Lloyd. Hier besuchte er zunächst die Grund- und Volksschule und wechselte dann aus dem heimischen Milieu auf eine Mittelschule in der Innenstadt. Eine für ihn "völlig andere Welt". Dort erlangte er 1963 die Mittlere Reife.

Am 1. April 1963 trat Lütjens als Beamtenanwärter in den mittleren nichttechnischen Postdienst ein. Vereinfacht gesagt: Er wurde Schalterbeamter. Schon während der Ausbildung war er in der Jugendvertretung aktiv. Sein Engagement in der Postgewerkschaft gefiel nicht allen und führte zu mehreren Versetzungen in den Folgejahren. Seither war Lütjens nach eigener Aussage "immer irgendwo ehrenamtlicher Funktionär, immer irgendwo mit Amt und Mandat unterwegs" - und das beileibe nicht nur in der Gewerkschaft.

Vom Schalter an die Uni ...

Über die gewerkschaftliche Bildungsarbeit kam er in Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen, die sich über die Heimvolkshochschule fortbildeten - vielleicht der Ursprung seiner jahrzehntelangen Arbeit als Kursleiter in der Volkshochschule. Aus diesen Begegnungen und der Unzufriedenheit über mangelnde Entwicklungsmöglichkeiten im Postdienst erwuchs allmählich der Wunsch, ein Studium aufzunehmen. Die Akademie für Wirtschaft und Politik - später umbenannt in Hochschule für Wirtschaft und Politik - in Hamburg bot auch Menschen ohne Abitur diese Möglichkeit.

Nun "rentierte" sich, dass Lütjens zuvor mit seinen gewerkschaftlichen Aktivitäten angeeckt war: Die Post stellte ihn ohne Bezüge für das Studium frei und die Stiftung Mitbestimmung - so hieß die Hans-Böckler-Stiftung bis 1977 - nahm ihn in die Studienförderung auf. Im Oktober 1969 begann er in Hamburg an der Akademie zu studieren. Nach drei Semestern entschied er sich für den Schwerpunkt Soziologie und machte 1972 seinen Abschluss als Sozialwirt.

... und zurück?

Eigentlich hatte er geplant, danach wieder zurück in den Postdienst zu gehen und den nächsten Schritt in der Beamtenlaufbahn zu gehen. Doch am ersten Arbeitstag wurde Lütjens mit einem neuen Dienstplan zurück an den Schalter geschickt, als hätte es die drei Jahre Studium nie gegeben. Spontan ging er zum Personalleiter und entließ sich selbst aus dem Beamtendienst. So endete im November 1972 seine Beamtenlaufbahn.

Rückwirkend zum Oktober 1972 immatrikulierte er sich an der Universität Hamburg, wo ihm der zuvor erlangte Abschluss ermöglichte, Soziologie zu studieren. Parallel nahm er noch ein zweites Studium zum Volks- und Realschullehrer auf, erneut gefördert durch die spätere Hans-Böckler-Stiftung. Im Jahr 1981 erhielt er sein Diplom als Soziologe.

Vielfältig aktiv: Lütjens als Moderator einer Kulturveranstaltung der BGFG
Vielfältig aktiv: Lütjens als Moderator einer Kulturveranstaltung der BGFG

Wiedereinstieg durch Arbeitsmarktpolitik

Die nächsten eineinhalb Jahre waren von Rückschlägen geprägt. Mit ungewöhnlichen Bildungsbiografien und ohne "Stallgeruch" ist der Wiedereinstieg ins Berufsleben für viele Bildungsaufsteiger schwer - auch diese Erfahrung eine Gemeinsamkeit. Zusätzlich war Anfang der 1980er-Jahre der Arbeitsmarkt insbesondere für Akademiker am Boden.

Doch letztlich war genau dies für Gerd Lütjens ein Glücksfall und führte zu der Bekanntschaft, die uns an diesem Tag zusammengeführt hat. Im Jahr 1983 legte der Hamburger Senat in Reaktion auf die in den Jahren zuvor immens gestiegene Arbeitslosigkeit ein "100-Millionen-Programm zur Arbeitsbeschaffung" auf. Zur Umsetzung eines wichtigen Teils des Programms wurde die Hamburger Arbeit Beschäftigungsgesellschaft (HAB) gegründet. Deren Prinzip "Tariflohn statt Sozialhilfe" wurde zum Erfolg und galt lange Zeit bundesweit als Vorzeigemodell. Der zweite Teil des Programms beinhaltete Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) durch die Arbeitsverwaltung bei staatlichen Stellen und privaten Trägern.

Joachim Meyer - Vorgesetzter und Freund

Gesteuert wurde das Projekt aus der Sozialbehörde heraus, im Referat für Arbeitsmarktpolitik. Dessen Leiter war damals Joachim Meyer. Hier kam Gerd Lütjens unter, zunächst mit einer minder besoldeten Stelle, die nicht seinen Qualifikationen entsprach - doch dafür war sie unbefristet. So wurde unser ehemaliger 1. Vorsitzender sein Vorgesetzter und blieb dies bis ins Jahr 2001. Über die Jahre entstand eine freundschaftliche Beziehung, die auch nach dem Ende der gemeinsamen Arbeit Bestand hatte.

Lütjens spricht bis heute in den höchsten Tönen von seinem ehemaligen Chef und dessen Blick für die Bedürfnisse anderer. Auch an dessen Sinn für Humor erinnert er sich gern, auch wenn er gelegentlich auf seine Kosten ging: Nach der Rückkehr aus dem Urlaub musste er nicht selten erstmal Akten suchen - die Kolleginnen und Kollegen brachten ihm gern den Schreibtisch und seine nur für Dritte "chaotischen Stapel" durcheinander.

Endlich anerkannt

Eines Tages rief ihn der Staatsrat unerwartet und ohne Begründung zu sich. Es stellte sich heraus, dass den Staatsrat vor allem interessierte, warum Lütjens den Beamtendienst verlassen hatte. Erst im Verlauf des Gesprächs stellte der Staatsrat fest, dass sein Gegenüber eigentlich studierter Soziologe war und seine Qualifikationen nicht wirklich genutzt wurden. Spontan gab er Lütjens eine Aufgabe mit: Er sollte ein Konzept erstellen, wie Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) eingeworben und für die städtische Arbeitsmarktpolitik eingesetzt werden könnten.

Nun zeigte sich, wie Joachim Meyer sich um seine Leute kümmerte. Er entlastete Lütjens zeitweise von seinen regulären Tätigkeiten, um das Konzept schnell anfertigen zu können. Geschwindigkeit und Qualität des Ergebnisses beeindruckten den Staatsrat und führten dazu, dass Gerd Lütjens endlich eine seine Qualifikationen entsprechende Tätigkeit und Eingruppierung erlangte: Er wurde Referent für ESF-Mittel. Als der CDU-Senat die Sozialbehörde im Jahr 2001 umstrukturierte und das Arbeitsmarktprogramm in die Wirtschaftsbehörde überführt wurde, wechselte er mit dorthin.

Zunächst betrieb er als Referent für ESF-Marketing Öffentlichkeitsarbeit. Später ging er in den Personalrat, wurde dann für die Arbeit darin freigestellt und später Personalratsvorsitzender. Als solcher ging er im November 2011 "in Rente”.

Ein Irrtum klärt sich auf

Als Gerd Lütjens zum nächsten Termin aufbrechen muss, will ich noch schnell wissen, wann er nun eigentlich in den Verein eingetreten ist - und erlebe eine Überraschung: "Nie. Ich bin gar kein Mitglied." Ich falle aus allen Wolken. Wie kann das sein? "Ich war ja kein Beamter. Joachim Meyer und ich haben zwar viel über den Verein gesprochen und er hat mir immer wieder die HBZ zu lesen gegeben - aber eingetreten bin ich nie. Joachim Meyer hat mich nie dazu aufgefordert", schmunzelt er.

Ja, aber warum sitzen wir denn dann zusammen? "Ich wollte wissen, wer den VHSt nach Joachim Meyer wohl weiterführt, deswegen war ich auf der Mitgliederversammlung." Mein Kopfschütteln löst sich in unser Gelächter auf. Zu viele Gemeinsamkeiten, zu viele ähnliche Erfahrungen hat das Gespräch zutage gefördert, als dass dieser Irrtum noch eine Rolle spielt. Abgesehen davon lässt er sich leicht auflösen: "Gerd, dann schenkt dir der neue Vorsitzende einfach eine Jahresmitgliedschaft im VHSt. Du warst doch sowieso über Jahrzehnte viel zu nah dran, um nicht Mitglied zu sein."

Herzlich willkommen also, Gerd Lütjens, unter den Menschen im Verein! Ich bin mir sicher, dass wir uns in Zukunft häufiger sehen.

Fotos: Gerd Lütjens bei einer Lesung der Baugenossenschaft freier Gewerkschafter eG © BGFG; Neben der Gedenktafel des DGB © Arne Offermanns

Autor: Arne Offermanns

HBZ · 01/2022
 
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