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Wohnen, wo früher Güter aus aller Welt sich stapelten

Große Pläne für den Kleinen Grasbrook

So soll es mal aussehen: Rechts zur Orientierung die Norderelbbrücke, am Horizont die Elbphilharmonie
So soll es mal aussehen: Rechts zur Orientierung die Norderelbbrücke, am Horizont die Elbphilharmonie

Ein kalter Frühlingswind fegt über die Norderelbbrücke mit der HafenCity zur rechten Hand und dem Kleinen Grasbrook zur linken.

Wo noch vor zwei Jahren das gewaltige Überseezentrum und weitere Hafenbauten standen, erstreckt sich jetzt eine planierte Einöde. Schwere Baugeräte stehen am Rand der Fläche, bereit für den nächsten Einsatz. Hier sollen bald 3.000 Wohnungen für rund 6.000 Menschen entstehen. Ein Teil der Wohnungen wird frei finanziert, 35 Prozent werden mit öffentlichen Mitteln gefördert, auch Baugenossenschaften und -gemeinschaften sollen zum Zuge kommen. Hinzu kommen Gewerbebauten mit Arbeitsplätzen für rund 16.000 Menschen.

Vom Stückgutlager zum Wohnviertel

Der Kleine Grasbrook war früher vor allem durch die großen Lagerhallen des ehemaligen Überseezentrums geprägt.

Für deren Bau wurden 1962 große Teile des Moldauhafens zugeschüttet. Der 1967 fertiggestellte Lager- und Bürokomplex, der von der städtischen Hafengesellschaft HHLA betrieben wurde, galt mit circa 150.000 Quadratmetern offenen und 100.000 Quadratmetern überdachten Flächen als größter Sammel- und Verteilerschuppen für Stückgut aus aller Welt. Prägend für das Gebäude war das mehrere Hundert Meter lange Schleppdach, das ursprünglich in die Neugestaltung des Bereichs einbezogen werden sollte. Doch dann stellte sich heraus, dass das Material marode war und der Bau abgerissen werden musste. Der Schriftzug "Überseezentrum" wurde jedoch für die Nachwelt gerettet und soll später einmal wiederverwendet werden. Dort, wo sich das Dach befand, wird zukünftig eine breite Grünzone entstehen.

Die Halbinsel in unmittelbarer Nähe zur gegenüberliegenden HafenCity, mit Blick auf die Elbphilharmonie und die Kirchtürme im Zentrum, wird als "Innovationsstadtteil" konzipiert: grün, ökologisch, klimaneutral, wenig Autos, entsprechend weniger Parkplätze. "Der Grasbrook soll ein Vorbild werden - über seinen städtebaulichen Charakter hinaus auch in energetischer und insbesondere in verkehrsplanerischer Hinsicht", erklärte Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) im November 2020 beim "Grasbrook Forum", bei dem der Zwischenstand der bisherigen Planungen präsentiert wurde.

Die Politik der Hansestadt weist dem neuen Stadtteil eine besondere Bedeutung zu. "Die zentrale und stadtentwicklungspolitisch einmalige Lage des neuen Stadtteils Grasbrook an der Elbe, an der Schnittstelle zwischen innerer Stadt, Hafen, Veddel, Wilhelmsburg und der HafenCity […] bietet enorme Chancen für die Entwicklung Hamburgs insgesamt", heißt es in einem gemeinsamen Antrag von Rot-Grün aus dem Januar 2018. Auch die Einwohner der Veddel würden von dem neuen Stadtteil profitieren, der "als Sprungbrett zwischen der HafenCity und Wilhelmsburg dienen" und "dabei die Veddel städtebaulich aus ihrer bisher eher isolierten Lage befreien" soll. Dazu soll eine Fußgängerbrücke entstehen, denn zwischen Veddel und Grasbrook liegen nicht nur zahlreiche Bahngleise, sondern auch die viel befahrenen Straßen Am Moldauhafen und Rampenstraße.

April 2022: Das Überseezentrum wurde bereits 2021 abgerissen
April 2022: Das Überseezentrum wurde bereits 2021 abgerissen

Gescheiterte Ideen und ein neuer Ansatz

Diskussionen um die Zukunft des Kleinen Grasbrooks gab es schon länger. So wurde, wie es im Antrag heißt, etwa im Zuge der später durch einen Volksentscheid gekippten "Olympiaplanungen 2002 erwogen, Teile des Kleinen Grasbrooks für Sport und Stadtentwicklung zu nutzen". Im Jahr 2009 überlegte dann der damals CDU-geführte Senat, Teile der Universität Hamburg auf den Kleinen Grasbrook zu verlagern. Erneut gab es starken Widerstand und das Vorhaben wurde aufgegeben.

Nach diesen Misserfolgen gingen die verantwortlichen Planer in Klausur und entwickelten ein neues Konzept. Vor allem sollte die Öffentlichkeit von Anfang an durch Workshops und Veranstaltungen einbezogen werden. So unterzeichneten am 1. August 2017 der Unternehmensverband Hafen Hamburg, der Industrieverband Hamburg und die Wirtschaftsbehörde einen Letter of Intent, eine Absichtserklärung, den Grasbrook zukünftig als Wohnort zu nutzen. Knapp anderthalb Monate später stellten am 12. September 2017 der damalige Bürgermeister Olaf Scholz, die Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt, der damalige Chef der HafenCity Hamburg GmbH (HCH), Jürgen Bruns-Berentelg, und der ehemalige Oberbaudirektor Jörn Walther die Pläne für den neuen Stadtteil Grasbrook vor.

Ab September 2019 begann ein zweiphasiges "Dialogverfahren", das mit einer "intensiven Bürgerbeteiligung" bis zum April 2020 andauerte. Im Januar 2020 gab es eine Zwischenpräsentation und am 30. April wurden die Siegerentwürfe der Preisträger des Ideenwettbewerbs vorgestellt: das Schweizer Architektenbüro Herzog & de Meuron sowie Vogt Landschaftsarchitekten. Herzog & de Meuron waren zuvor verantwortlich für die Entwurfsplanung der Elbphilharmonie; ihre Kreativen erdachten die Idee mit der "gläsernen Welle" an der Außenfassade. Auch Vogt Landschaftsarchitekten können beeindruckende Aufträge vorweisen wie etwa die Außengestaltung der Tate Gallery of Modern Art in London.

Planung eines Stadtteils

Die Architekten und Planer stehen vor einigen Herausforderungen. So muss das Gelände für den Hochwasserschutz erhöht werden, vergleichbar den Warften der Halligen. Wegen der Lärmbelästigung durch den Lkw-Verkehr dürfen zudem keine Wohngebäude direkt an den viel befahrenen Straßen und den Bahnstrecken entstehen. Dort sollen Gewerbebauten platziert werden, um die Wohnhäuser vom Lärm abzuschirmen. Zahlreiche Bäume müssen für die geplante Moldaubrücke weichen, werden aber nachgepflanzt.

Alles schick, alles neu. Doch wo sollen die Neubürger einkaufen, wo gehen die Kinder zur Schule, wo gibt es Kitas? Daran sei durchaus gedacht worden, versichert Susanne Bühler, Pressesprecherin der stadteigenen HamburgCity GmbH, die für die Umsetzung des gesamten Vorhabens verantwortlich ist. So sei eine vier- bis fünfzügige Grundschule vorgesehen, Kitas sollen an acht Standorten entstehen, weiterhin ist ein Nachbarschaftszentrum geplant sowie Bürgertreffs in Häusern der Baugemeinschaften. Mit dem Nachbarstadtteil Veddel wolle man gemeinschaftliche Einrichtungen nutzen. Es wird eine vier Kilometer lange Uferpromenade und einen Park geben, Fußball-, Basketball- und weitere Sport- und Spielplätze sollen entstehen. Rund 10.000 Bäume werden neu gepflanzt. Ein echter Anziehungspunkt wird das Deutsche Hafenmuseum sein, das zusammen mit der Viermastbark "Peking" zum Standort Grasbrook umziehen soll.

10.000 neu gepflanzte Bäume geben dem Stadtteil ein grünes Gesicht
10.000 neu gepflanzte Bäume geben dem Stadtteil ein grünes Gesicht

Von der Planung zur Realität

Wie geht es weiter? Laut Susanne Bühler hat "die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen mit der Baurechtschaffung begonnen und die HafenCity Hamburg GmbH als Realisierungsträgerin erste Vorbereitungen im Gebiet, vor allem zur Freimachung des Geländes und für die Infrastruktur, getroffen". Die Umsetzung der Infrastruktur und die Gewinnung von Baufirmen "starten voraussichtlich Ende 2022, sodass bereits ab Ende 2024 erste Gebäude gebaut werden können. Parallel dazu entstehen die öffentlichen Freiraumanlagen sowie Straßen und Promenaden, Wege und Plätze." Auch die Beteiligung der Öffentlichkeit werde fortgesetzt, so Bühler. Es geht also allmählich voran.

Ein grüner, autoarmer Stadtteil für rund 6.000 Menschen und 16.000 Beschäftigte - da fehlt nur noch die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Diese soll die U4 leisten, die derzeit kurz vor dem Grasbrook auf der Nordseite der Elbbrücke endet. Noch besteht Unklarheit über den weiteren Verlauf der Strecke. Einig ist man sich jedoch offenbar bereits, dass die Bahn auf Stelzen über den Moldauhaufen geführt wird. Einen Zeitplan zur Umsetzung der Verlängerung der U4 von der Station "Elbbrücken" zum Grasbrook (und weiter nach Wilhelmsburg) gibt es noch nicht. Aber in diesem Sommer werden, so die Hochbahn, die "Auslobungsunterlagen" verschickt. Und in ein paar Jahren soll dann aus der planierten Einöde ein Stadtteil voller Leben geworden sein: der neue Kleine Grasbrook.

Fotos: Überseezentrum + Grasbrook © Schwarz / stahlpress; Visualisierungen @ Herzog & de Meuron + Vogt Landschaftsarchitekten

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Autor: Reinhard Schwarz

HBZ · 05/2022
 
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